Heft 
(1891) 67
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Deutsche Rundschau.

auf das deutlichste ein vielbewegtes Leben, das ihn, wie viele seiner Zeitgenossen, etwa vom zwanzigsten bis zum sechsunddreißigsten Lebensjahr in verschiedenen dienstlichen Stellungen bis an die äußersten Grenzen des römischen Weltreichs geführt hat. Wir wissen aus zahlreichen urkundlichen Zeugnissen, wie oft und weit ein junger römischer Offizier durch Versetzungen umher geworfen wurde, sobald er es einmal nach langem Dienst in der Legion zu den höheren Commando- stellen gebracht hatte, mit denen der Ritterrang verbunden war. Die strenge und gleichmäßige Beförderung im römischen Heeresdienst ist unseren modernen Einrichtungen durchaus vergleichbar. Sie ließ so selten Ausnahmen zu, daß man mit ein oder zwei gegebenen Daten einer militärischen Laufbahn die nicht bekannten bis zu einem gewissen Grade mit Sicherheit zu ergänzen vermag. Juvenal hat wahrscheinlich in Aegypten gedient; die Seltsamkeit der ägyptischen Sitten und der ägyptischen Gottesverehrung sind ihm bis in sein hohes Greifen- alter lebendig in der Erinnerung geblieben. Er hat dort den jetzt wie vor Jahr­tausenden in Syene, dem heute viel genannten Assuan, schwunghaft betriebenen Elfenbeinhandel kennen gelernt. Im Norden Afrika's, am Fuß des gewaltigen. Alles überragenden Atlas, fielen ihm die sonderbaren Hütten auf, in denen die numidische Bevölkerung lebte. Den Fels von Calpe, das heutige Gibraltar, und den weithin tosenden Ocean hat er gesehen; Galliens volkreiche Städte mit ihren Processen und ihrer sehr entwickelten Redekunst, die blonden von Fett glänzenden Haarschöpfe unserer germanischen Vorfahren in den römischen Kastellen am Rhein sind an seinem Auge vorübergezogen. In Britannien hat er eine der ursprünglich aus Dalmatien ausgehobenen Cohorten befehligt, die an der Küste von Cumber- land, nicht weit von Maryport am Solway Firth, Irland gegenüber, ihr Stand­quartier hatte. Vielleicht noch unter Agricola, dem Schwiegervater des Geschichts­schreibers Tacitus, auf alle Fälle nicht lange nach jenes Feldzügen, hat er dort des Reiches nördlichste Grenze gegen die in festen, schwer zugänglichen Plätzen Wohnenden kriegerischen Briganten geschützt. Erst Agricola, wie wir aus der berühmten Lobschrift seines Schwiegersohnes aus ihn wissen, hat das römische Heer siegreich so weit nach Norden hinaufgesührt, freilich noch nicht zu dauerndem Abschluß der Unterwerfung. Denn diese ist erst nach neuen Kämpfen unter Trajan durch Hadrian's Mauerbau erreicht worden H. Aber doch durfte der Dichter sich rühmen, daran mit geholfen zu haben, daß die römischen Waffen über Irland und die eben vorübergehend besetzten Orkneyinseln hinaus bis zu den Völkern der Mitternachtssonne gelangt seien. Weiter als bis zu dem ritterlichen Range eines Militärtribunen (die mit den Volkstribunen nicht zu verwechseln sind) hat es Juvenal nicht gebracht. Er hat den Dienst mit seinen Vorzügen und Schattenseiten gründlich kennen gelernt. Aber die rechte Befriedigung sank sein Ehrgeiz nicht dabei; sei es, daß das domitianische Regiment mit seiner klein­lichen Gehässigkeit ihm nicht günstig war, ähnlich wie dem auf den höchsten Stufen der Aemterlaufbahn stehenden Agricola, sei es, daß ihm Fürsprache sehltt oder andere Gründe, etwa das Gerede über seine unfreie Herkunft, ihn hemmten Senatorensöhne, wie Agricola, oder Söhne vornehmer Ritter, wie Tacitus, ge-

i) Vergl. Deutsche Rundschau, 1878, Bd. XV. S. 221 ff.