Iuvmal, der römische Satiriker.
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langten, zumal wenn es ihnen an Vermögen und an der Gunst einflußreicher Freunde und Gönner nicht fehlte, von den Offizierstellen unmittelbar zu den Vorstufen der fenatorifchen Laufbahn im Gerichts- und Verwaltungsdienst und bald zu dem ersten fenatorifchen Amt, der Quästur. Mit ihr war der Eintritt in die hohe Körperschaft des Senates verbunden, welche allein die Anwartschaft gab auf die höheren Commandostellen im Heer und auf die Verwaltung der meisten Provinzen. Für die jungen Leute ritterlichen Standes aber bestand in den beiden ersten Jahrhunderten der Monarchie die Scheidung vom Senat noch in der gleichen Strenge wie zur Zeit der Republik. Freilich konnte kaiserliche Gunst den Stand erhöhen: nicht selten erhielten verdiente Militärtribunen den breiten fenatorifchen Purpurstreis an der Toga statt des schmalen der Ritter. So war es einst dem Dichter Ovid gegangen; aber er entsagte dem Standesvorzug und seinen Ehren und Lasten und erbat den schmalen Ritterstreif zurück. Juvenal ist es nicht geglückt, den breiten Streifen zu erhalten. Schon damals schlich sich Wohl in seine Seele die begreifliche Erbitterung darüber, daß nur der Zufall der Geburt oder die Gunst des Schicksals, nicht das Verdienst, so hohe Vorzüge gewähre, deren sich der Stand, dem sie zukamen, oft wenig würdig erwies. Allein während die Monarchie mit schonender Rücksicht für die Privilegien des Senates von jener höheren Laufbahn den Ritterstand ausschloß, eröffnete sie ihm dafür eine große Anzahl von Aemtern im kaiserlichen Haushalt und in der Finanzverwaltung, in der Verwaltung der Steuern, Zölle, Bergwerke, der öffentlichen Spiele, der Münze und zahlreiche andere. Sogar die selbständige Statthalterschaft kleinerer Provinzen, in denen keine Legionen standen, ferner die dem Senat vorenthaltene Verwaltung des ägyptischen Reiches, endlich der Oberbefehl über die kaiserliche Garde mit seinen richterlichen Befugnissen stand dem Ritterstand offen. Diese Stellen zu bekleiden, erforderte Gewandtheit im Reden und Schreiben, sowie genaue Gesetzeskenntniß. Als die natürliche Vorbereitung dazu diente auch damals das Führen von Processen vor Gericht, der Berus des Rechtsanwalts. Mit Eifer warf sich Juvenal nach seiner Rückkehr aus Britannien, in den letzten Jahren der Regierung Domitian's, auf das dem Soldaten seit seiner Knabenzeit fremd gewordene Studium der Beredsamkeit und mit größerer Ausdauer, als es in seinen Lebensjahren üblich war. Bis etwa in sein vierzigstes Jahr noch hat er die Vorträge der besten Meister in der Redekunst gehört und die vorgeschriebenen Hebungen getrieben, über erfundene oder gegebene Stoffe zu reden und die Werke der großen Redner zu lesen. Auch Tacitus, der etwa um dieselbe Zeit wie Juvenal von hohen fenatorifchen Verwaltungsämtern außerhalb Roms dorthin zurückgekehrt war, gewann aus seiner früheren ernsten Beschäftigung mit der Redekunst, von welcher sein berühmter Dialog „von den Rednern" Zeugniß ablegt, damals den Uebergang zur Geschichtschreibung, als deren Vorläufer er die Lobschrist aus seinen Schwiegervater, den Agricola, verfaßte, aber erst nach des verhaßten Herrschers Tode, im ersten Jahre des Trajan, erscheinen ließ, während die Schrift über Germanien und seine Völkerschaften ihr unmittelbar folgte. Juvenal sah, wie Rhetorik und Grammatik nicht selten ihren hervorragendsten Vertretern Ansehen und Reichthum verschafften, wie zum Beispiel dem Quintilian, dem damals berühmtesten Meister der Kunst, dessen Vorträge er ge-