Heft 
(1891) 67
Seite
419
Einzelbild herunterladen

Zertphrasen.

419

zudringen; bei dem Gewirre der sich widersprechenden Hypothesen war's auch uns, als ging' uns ein Mühlrad im Kopf herum"; wir strebten mit jugendlicher Heftigkeit uns durch sie hindurch zur Gewißheit Hinzuringen und wollten fast verzagen, als wir uns überall von unübersteiglichen Schranken der Erkenntniß eingeengt fanden. Da ging uns die gewaltige Tragik der Faust-Monologe auf. Wir werden älter, fühlen in uns die Genußfreude und Entwicklungsfähigkeit langsam versiegen, und nun erst können wir den schmerzlichen Seufzer nachempfinden:

So gib auch mir die Zeiten wieder,

Da ich noch selbst im Werden war.

Endlich sind wir alt, die naseweise Jugend, die Alles besser wissen will, ärgert und beleidigt uns, und wir lachen herzlich über ihre Verkörperung im Baccalaureus. Also für dasjenige Alter, welches am lernbegierigsten und lern­fähigsten ist, bleibt der Faust ein leerer Wortschwall; nur der Greis, welcher nicht viel mehr lernen kann, vermag ihn ganz zu genießen. Ist der ein Lehrer, welcher nicht zu den Werdenden, sondern zu den Fertigen redet d

Soweit das Kunstwerk uns etwas Neues bietet, was wir erst lernen sollen, macht es uns niemals Freude; nur wenn es uns von Demjenigen erzählt, was Wir schon selbst empfunden und erfahren haben, wird es für uns lebendig. Dies ist z. B. auch der Grund, warum exotische Landschaften uns Wohl durch ihre Fremdartigkeit interessiren, aber niemals im Bilde so tief innerlich ergreifen können, wie die wohlbekannten Fluren unserer Heimath. Der Künstler ist also nicht der Lehrer, sondernder Mund des Volkes".Wenn der Mensch ver­stummt in seiner Qual, gab ihm ein Gott zu sagen, was er leidet", und da sein Leiden von Tausenden tausendfach verschieden, aber immer ähnlich getheilt wird, so spricht er auch für diese das befreiende Wort. Er sagt ihnen nur, was sie selbst gern sagen möchten; doch indem er ihnen den Ausdruck für ihr Empfinden schasst, nach dem sie vergeblich gerungen haben, wird er zum Wohlthäter der Menschheit. Denn erst wenn man sein Denken oder Fühlen in eine klare Form gebracht sieht, ist man darüber Herr geworden. »

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß scharf ausgeprägte Individualität des Künstlers für die Wirkung seines Schaffens nicht nothwendig. ja sogar theilweise hinderlich ist. Denn mit je größerem Rechte er, wie Richard III., von sich sagen kann:Ich bin ich selbst allein", desto weniger verwandte Saiten wird er in der Brust der übrigen Menschen anschlagen. Man muß sehen können, wie Rem- brandt sah, und fühlen, wie Goethe fühlte, um Goethe und Rembrandt zu ge­nießen. Diejenigen Künstler, welche zu ihrer Zeit die volksthümlichsten waren und durch die Jahrtausende hindurch immer ihre Geltung bewahrt haben, Homer, Sophokles, Praxiteles, sind daher nicht individuell, sondern typisch. Auch von Shakespeare könnte man dies sagen, nicht was seine Dichtung, Wohl aber was seine Person betrifft. Denn jede kräftige Individualität ist mehr oder weniger exclusiv; anderen Individualitäten gegenüber, die ihr antipathisch sind, wird sie sich ablehnend Verhalten; selbst das Verständniß für gewisse Charaktere muß ihr fehlen. Wer mit so schauerlicher, fast möchte man sagen herzloser Gelassenheit jeder denkbaren Art von Menschen gerecht zu werden weiß, wie Shakespeare, der kann selbst kein individuell ausgeprägter Mensch gewesen sein. Ich denke ihn mir

97 *