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Deutsche Rundschau.
Kennerschaft" im Hause wittern. Und wie steht es mit den modernen Malern? Nicht die von kraftvoller Eigenart, ein Cornelius, ein Menzel oder Böcklin, sind die Lieblinge des Publicums, sondern Kaulbach und Thumann, Plockhorst und Pfannschmidt, Meyerheim und Dieffenbach prangen an allen Wänden oder bedecken in Prachtmappen die Tische unserer Salons. Man hänge einmal Rem- brandt's lachende Saskia und eines jener sadschönen Frauenköpfchen, wie sie Paul Thumann zu fertigen Pflegt, neben einander und frage dann ein unschuldiges Gemüth, das von keiner Art der Kennerschaft angekränkelt ist, welches Bild ihm besser gefalle: wer kann zweifeln, wie die Antwort lauten wird?
Was die Plastik zum Schmucke unserer Wohnräume beiträgt, beschränkt sich fast ganz auf Abgüsse nach der Antike und nach ihrem treuesten und wenigst originellen Nachahmer, Thorwaldsen. Die Meister, welche nicht ein allgemeines Schönheitsideal typisch wiederholt, sondern die Gluth ihrer eigenen Seele in die Bronze oder den Marmor ergossen haben, Donatello, Verrocchio, selbst Michelangelo, sind der Masse der Gebildeten kaum dem Namen nach bekannt.
Von der Architektur rede ich nicht; denn wer Bauwerke betrachtet und bewundert, der thut es meist nach dem Bädecker, d. h. nach dem Urtheil von dessen kunstverständigen Mitarbeitern. Volksthümlich ist diese Kunst überhaupt nicht. Desto mehr die Musik; aber wer hätte je Melodien des individuellsten Tondichters, Beethoven, auf der Drehorgel spielen oder auf der Straße von einem Vorübergehenden pfeifen gehört? Populärer sind Wagner und Schubert, noch mehr Haydn, Mozart, Weber, am meisten Auber, Verdi und — Offenbach. Die Wirkung ins Breite steht also genau im umgekehrten Verhältniß zur Entwicklung der Eigenart.
Und ist es in der Poesie etwa anders? War Goethe jemals populär? Welches seiner Lieder ist so in aller Munde, wie Heine's Lorelei oder auch Rudolph Baumbach's Lindenwirthin? Freilich thut es ihm Abbruch, daß er gerade von Beethoven componirt ist, nicht von Silcher oder Mendelssohn. Aber auch von seinen Dramen wird keines so sehr beklatscht wie etwa Wildenbruch's Quitzows, von seinen Romanen keiner so viel gelesen wie Ebers' Königstochter. „Verstand ist stets bei Wenigen gewesen," und ebenso Kunstverständniß. Die Lebensäußerungen großer Individualitäten nachzuempfinden, ist wahrlich nicht Sache der Masse, und dies liegt nicht etwa an der „falschen Bildung" unserer Zeit, über die man so viel zu klagen pflegt, sondern es ist im Wesen der Kunst aufs tiefste begründet.
Man hört es oft, und auch unser „Deutscher" wiederholt es in mannigfachen Variationen, daß die Dichter die Lehrer ihrer Nation seien. Wie falsch dieser Satz ist, hätte Jeder von uns an seinem eigenen Verhältniß zum „Faust" beobachten können. Da wir ihn als Knaben zuerst in die Hand bekamen, glitt all seine Poesie wirkungslos an uns ab, wie Wasser von der Ente. Theodor Körner, dessen heroischen Tiraden wir zu folgen vermochten, schien uns ein viel größerer Dichter als Goethe zu sein. Dann liebten wir unsere erste Liebe, und Gretchen ward für uns lebendig; wir machten unseren ersten Katzenjammer durch und verstanden jetzt Siebet und Brander. Wir kamen auf die Universität, hörten Lollsgium loZieuin und nietaxli^sieum und hatten nun unsere innigste Freude an dem Schülergespräch. Wir suchten in die Wissenschaft tiefer ein-