Heft 
(1891) 67
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Zeitphrasen.

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barer Harmonie vollzog. Dieselbe Bahn, auf der jeder Verständige den Mabuse zur Umkehr ermahnt hätte, sollte in ihrer kühnen und unentwegten Fortsetzung zur Antwerpener Kreuzabnahme führen. Man hüte sich daher, leichtsinnig von unserem Epigonenthum zu reden, und raube der Jugend nicht durch dies nieder­drückende Wort die frohe Zuversicht, daß sie es noch weiter bringen könne, als unseren großen Vätern vergönnt war.

II. Individualität und Volksthümlichkeit in der Kunst.

UnserDeutscher" verlangt, daß die Kunst individuell sei; zugleich fordert er, daß sie nicht nur dem Genuß der Kenner und Feinschmecker diene, sondern ihre Wirkung auch über die breiten Massen des Volkes ausdehne. Beides er­scheint auch uns natürlich sehr wünschenswerth; es fragt sich nur, wie weit es vereinbar ist. Die Antwort muß die Erfahrung geben; hören wir also, was sie über die Volksthümlichkeit jeder einzelnen Kunst zu berichten weiß.

Unter den Malern der alten Zeit ist keiner so populär wie Rafael. Tritt man in die gute Stube eines behäbigen Bürgerhauses, so kann man fast mit Sicherheit darauf rechnen, über dem Sopha die sixtinische Madonna zu erblicken. Selbst in den Bauernhütten sieht man sie häufig in Holzschnitt oder Farben­druck; sie ist das beliebteste und bekannteste Bild, das überhaupt existirt. Aber auch von der Madonna mit dem Sessel und mit dem Fisch, von der Kreuz­tragung und der Vermählung Mariä wird man Nachbildungen häufiger begegnen, als von irgend einem Werk irgend eines anderen Meisters. Gäbe es eine Sta­tistik des Kunsthandels, so würde sie wahrscheinlich lehren, daß Photographien und Kupferstiche nach Rafael in größerer Zahl verkauft werden, als nach allen übrigen Künstlern der früheren Jahrhunderte zusammengenommen. Und doch ist er der wenigst individuelle von allen Malern, welche die Kunstgeschichte an her­vorragender Stelle nennt. Die Werke seiner frühesten Jugend lassen sich von denen des Perugino kaum unterscheiden; die Porträts seiner Florentiner Zeit ahmen in Haltung und Auffassung Lionardo's Gioconda nach; die Madonna mit dem Baldachin könnte man fast für einen Fra Bartolommeo halten; bei dem Violinspieler ist es noch jetzt streitig, ob er nicht vielleicht dem Sebastians del Piombo angehöre; die Sibyllen, der Heliodor und der Borgobrand sind ganz im Stile Michelangelos gehalten, und in den Werken, in welchen Rafael am meisten als er selbst erscheint, besteht seine Eigenart doch kaum in etwas An­derem, als in der glücklichsten Verschmelzung und feinsten Ausgleichung aller der Einflüsse, denen er sich sonst einzeln hingegeben hatte. Man kann ihn, wenn man will, einen Epigonen nennen, denn kein namhafter Künstler war in höherem Grade Nachahmer; doch besitzt er die beispiellose Eigenschaft, daß er seine Ori­ginale, ohne sie gar zu sehr zu verändern, in der Kopie fast immer erhöht und verschönt. Er ist ein verklärter Perugino, ein durchgeistigter Fra Bartolommeo, ein veredelter Sebastiano, ein gemilderter Michelangelo; Lionardo ist der Einzige, den er nicht nachahmend zu übertreffen vermochte. Dürer und Rembrandt waren viel originellere Geister, ja vielleicht die individuellsten Künstler aller Zeiten, aber populär sind sie keineswegs. Wo man an der Wand Nachbildungen ihrer Werke hängen sieht, da wird eine feine Nase immer Etwas vondem Leichengeruch der

Deutsche Rundschau. XVII, 9. 27