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Deutsche Rundschau.
lerische Leistung ist mindestens ebenso sehr Sache des Charakters, wie des Geistes. Man wagte so wenig, sich gegen die Beispiele der Alten aufzulehnen, wie gegen die Befehle des Kaisers und seiner Werkzeuge; man verzichtete auf eigenes Denken, weil man auf eigenes Wollen hatte verzichten müssen.
Auch unserem Deutschland haben seine Religionskriege verhältnißmäßig nicht weniger Blut gekostet, als den Griechen und Römern ihre Revolutionen und Bürgerkriege. Aber bei uns wütheten Schwert und Feuer unterschiedslos; der Kühne, Starke und Besonnene hatte sogar die besseren Aussichten, sein Leben zu erhalten. Die Naturauslese wurde also nicht in ihr Gegentheil verkehrt; sie wirkte vielmehr noch energischer, als in ruhigen Zeiten. Die Folge war, daß die kurzen zwei Jahrhunderte, welche seit den Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges verflossen sind, uns einen Aufschwung gebracht haben, dem keine Nation Europa's etwas Aehnliches an die Seite stellen kann. Spanien hat durch die Scheiterhaufen der Inquisition, Frankreich durch die Guillotine seiner „glorreichen Revolution" viel weniger Menschenleben, aber viel mehr geistige Kraft verloren; doch war hier das Morden weder so mitleidslos noch so oft wiederholt, wie in den antiken Staaten. Die Hoffnung ist daher nicht ausgeschlossen, daß sich der Verlust im Laufe der Zeit ersetzen wird.
Wer an Darwin glaubt, kann also niemals zugeben, daß eine Nation unter normalen Verhältnissen in Verfall gerathen könne, außer wenn sie sich in ihrer Gesammtheit zum siegreichen Durchsechten des Daseinskampfes untauglich erweist und dann auch in ihrer Kopfzahl allmälig zusammenschwindet, wie das bei den amerikanischen Rothhäuten und einigen anderen wilden Stämmen der Fall ist. Aber auch wer jenen Glauben nicht theilt, sollte sich doch sehr besinnen, ehe er von dem Niedergange seines Volkes redet. Daß es niemals mit uns bergab gehen wird, ist zwar noch unerprobte Theorie; daß aber nie ein Sterblicher im Stande war, sicher zu erkennen, ob er selbst und seine Zeitgenossen sich in auf- oder absteigender Richtung bewegten, das ist erprobt und völlig unzweifelhaft. Den Höhepunkt einer mannigfach gekrümmten Linie kann eben nur derjenige wahrnehmen, welcher sie in ihrer ganzen Länge übersieht, d. h. die ferne Nachwelt. Wenn man einen Alpengipsel besteigt, geht es nicht immer steil bergan; zeitweilig wandert man aus ebenem Boden, senkt sich hin und wieder Wohl auch ein wenig abwärts und kommt damit doch der Spitze immer näher. Ganz ebenso erheben sich die Völker zu den Gipfeln ihrer Cultur, nur mit dem Unterschiede, daß ihnen das Ziel nicht klar vor Augen liegt und daß sie immer ansteigenden Boden vor sich behalten. Tritt ein Sinken ein, wie jetzt in unserer schönen Literatur, so kann dies ebensowohl der Beginn des Abstiegs, wie der Uebergang zu noch luftigeren Höhen sein. Nachdem die Kunstrichtung der Van Eycks in Quentin Masshs ihren glänzenden Abschluß gefunden hatte, wendeten sich die Niederländer einer öden Nachahmung der Italiener zu, die zu ihrer Eigenart in unlösbarem Widerspruche zu stehen schien. Wer damals, ohne selbst durch die Mode verblendet zu sein, die Entwicklung der Malerei betrachtete, mußte die Mabuse und Orley für Nachtreter des Lionardo halten; wir, die wir einen weiteren Zeitraum überschauen, werden in ihnen viel eher Vorläufer des Rubens sehen, in dem sich die Verbindung italienischer Composition und Formenschönheit mit niederländischer Natursreude und Farbenpracht, welche jene vergeblich angestrebt hatten, zu Wunder-