Heft 
(1891) 67
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Zeitphrasen.

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schaft befestigen könne, da führte dieser den Boten auf ein Feld hinaus und hieb mit seinem Stabe alle Aehren ab, welche über die anderen hervorragten. Nach diesem Princip verführen auch die meisten der römischen Kaiser. Wer im Reiche Macht und Ansehen gewann, der gelangte in den Senat, und wer im Senate sein Haupt höher hob, als seine Collegen, der mußte es sicher bald aus den Block legen. Und wie sie selbst in Rom, so hausten ihre grausamen und bestech­lichen Werkzeuge in den Provinzen. Und das Mißtrauen des Herrschers, wie vorher die Wuth der revolutionären Führer, raffte in der Regel nicht nur den Verdächtigen selbst, sondern auch dessen ganze Familie hin; wurden seine Kinder auch nicht immer getödtet, so stieß man sie doch durch die Confiscation ihres Vermögens in die Hefe des Volkes hinab, wo sie, an andere Lebensansprüche gewöhnt, Wohl meist zu Grunde gingen. So trat hier an die Stelle der Darwinschen Naturauslese eine andere Art der Auslese, welche gerade die ent­gegengesetzte Wirkung übte. Die Stärksten und Klügsten wurden mit ihrem ganzen Stamm ausgerottet; die Schwachen, Feigen und Erbärmlichen blieben übrig. Was Wunder, daß ihre Nachkommen ihnen glichen!

Ein zweites Moment, welches die Verschlechterung der Race beschleunigte, ja vielleicht gar noch wirksamer war, als das erstgenannte, finden wir in der Sklaverei. Durch Kriege und Menschenjagden wurden ununterbrochen aus allen Ländern der alten Welt Gefangene zusammengeschleppt, um den Bedürfnissen oder Lüsten der herrschenden Völker zu fröhnen. Durch Freilassung traten sehr viele jener Unglücklichen in die Bürgerschaften ein, und in Folge ihrer früheren Dienstbarkeit an Arbeit gewöhnt, zeigten sie sich ihren ehemaligen Herren im Kampf ums Dasein meist überlegen. Der Reichthum der Freigelassenen war in Rom beinahe sprüchwörtlich, und nicht anders wird es in den übrigen Städten ge­wesen sein. Semitisches und hamitisches, germanisches und iberisches Blut mischte sich so in unberechenbarer Menge mit dem italischen und griechischen; aber die Kreuzung der Racen erwies sich in diesem Falle nicht, wie man erwarten sollte, als heilsam. Denn kühne und freiheitsliebende Männer vermochten die Sklaverei nicht zu ertragen; sie wurden zu gewohnheitsmäßigen Ausreißern oder machten sich doch bei ihren Herren durch mürrisches und widerspenstiges Be­tragen unbeliebt. So gingen sie in harter, hoffnungsloser Arbeit unter; selbst die Vergünstigung, welche in der Erlaubniß zu einer Sklavenehe lag, wurde ihnen selten zu Theil. Auf Freilassung konnten sie niemals hoffen, so massen­haft diese auch geübt wurde; nur denjenigen gewährte man sie, welche die Dienst­barkeit freudig aus sich nahmen und den Launen der Gebieter zu schmeicheln wußten, vor allen den Kammerdienern und Kupplern, den Lustknaben und Buhl- dirnen. Auf diese Weise stoß einem Volke, dessen edle und freie Seelen immer wieder erst durch Revolutionen, dann durch Tyrannenwillkür hingerafft wurden, ein breiter Strom geborener Bedientenseelen zu, welche sein geistiges Niveau natürlich nicht erhöhten.

Was das sogenannte Altern der antiken Welt in erster Linie charakterisirt, ist der Verzicht auf jede geistige Neuschöpfung. Wohl gab es noch Philosophen und Dichter, Maler und Bildhauer; aber fast alle beschränkten sich darauf, die Vorbilder einer besseren Zeit immer elender nachzuäffen. Es ist dies nichts Anderes, als erblich gewordener Knechtssinn; denn die wissenschaftliche und künst-