Heft 
(1891) 67
Seite
414
Einzelbild herunterladen

414

Deutsche Rundschau.

Umstände ganz besonders schwer gereizt worden ist. Auch bei den Römern gilt es als Rechtssatz, daß der Unterworfene zum Sklaven wird; aber sehr selten bringt man dieses Princip zur tatsächlichen Anwendung, sondern meist wird dem Besiegten gestattet, sich durch eine Kopfsteuer die persönliche Freiheit zu er­kaufen. Das Hinmetzeln und Verknechten ganzer Stadtbevölkerungen erscheint jetzt als eine sehr seltene Ausnahme. Im Mittelalter hört das Sklavenmachen ganz auf und das Morden wird mehr und mehr beschränkt; an seine Stelle tritt ein gründliches Plündern, das bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges die Regel bleibt, dann allmälig auch zur Ausnahme wird. Heute endlich betrachtet jede civilisirte Armee es als eine Schmach, wenn aus ihrer Mitte dem friedlichen Bürger in Feindesland irgend eine Kränkung widerfährt.

Daß Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit gegenwärtig sehr viel weiter verbreitet sind als in früheren Zeiten, beweist am schlagendsten das überschwängliche Lob, welches Männern wie Aristides oder Fabricius von den Alten gespendet wird, nur weil sie weder die öffentlichen Cassen bestahlen noch sich bestechen ließen. Wer dies heutzutage thut, gilt für einen Schurken, nicht aber, wer es unterläßt, für einen bewundernswerthen Tugendhelden.

Fast in jeder anderen Beziehung ist die Vervollkommnung der Menschheit nicht minder bemerkbar; doch würde es uns zu weit führen, wenn wir noch mehr Einzelheiten häufen wollten. Nur mag in aller Kürze noch auf die be­kannte Thatsache hingewiesen werden, daß die mittelalterlichen Rüstungen, welche in unseren Museen aufbewahrt werden, für moderne Menschen meist zu klein und eng sind. Also auch körperlich überragen wir unsere Vorväter, wenn gleich ihre Muskulatur durch die steten Waffenübungen vielleicht besser ausgebildet war.

Aber beweist dies mehr, als daß wir uns zeitweiligerer jene erhoben haben? Wäre es nicht trotzdem möglich, daß auch uns ein neues Sinken bevor­steht, ja daß es vielleicht gar schon begonnen hat? Die Darwinsche Theorie mag ganz hübsch und tröstlich klingen, unhaltbar bliebe sie doch, wenn die Tat­sachen, welche uns die Geschichte des Alterthums lehrt, damit nicht überein- stimmten. Aber meines Erachtens widersprechen sie ihr keineswegs; was man das Altern der antiken Welt nennt, gehört vielmehr zu denjenigen Ausnahmen, welche die Regel nur bestätigen.

Man erinnere sich, wie zahllos die Revolutionen und Bürgerkriege waren, welche fast jeden antiken Staat, vor allen aber das gewaltige Rom, heimgesucht haben. Jedesmal wüthete die siegende Partei mit Henkerbeil und Mordstahl Wider ihre Gegner, und da sie sich nach kurzer Zeit immer wieder in die unter­liegende verwandelte, so wurden Aristokraten und Demokraten gleichmäßig deci- mirt. Nun trafen aber jene Morde namentlich die Führer der Bewegung und diese zwar im weitesten Sinne, da oft Hunderte und Tausende hingeschlachtet Wurden. Nur wer ganz ungefährlich schien oder sich schlau zwischen den Parteien hindurchzudrücken wußte, konnte fein Leben retten. So fiel Jeder, der sich geistig über die Menge erhob, Jeder, der den Willen und die Kraft hatte, im Staate Etwas vorzustellen; was übrig blieb, war die Masse der Feigen, Schwachen und Unbedeutenden. Und nachdem in Rom die Zeit der Revolutionen zu Ende gegangen war, vollendete der Despotismus der Caefaren ihr Werk. Als der Tyrann Periander den Thrasybul fragen ließ, wie er am besten seine Herr-