Zeitphrasen.
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Während die Zahl der Mäuse und Spatzen immer zunimmt oder sich doch nicht verringert. Nicht auf die Kraft alfo kommt es an, sondern darauf, daß das Individuum diejenigen Eigenschaften, welche den Lebensbedingungen seiner Gattung am besten entsprechen, möglichst vollkommen in sich ausbilde. Wäre eine Maus größer und kühner als ihre Genossinnen, so würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst von der Katze gefressen; denn Kleinheit und Aengstlichkeit sind es eben, wodurch sich die Mäuse vor ihren Verfolgern schützen. Die specifische Eigenschaft, welche die Kraft des Menschen im Kamps ums Dasein ausmacht, ist seine Vergesellschaftung, das bewußte Zusammenwirken Vieler sür gemeinsame Zwecke. Selbst gegen einen zornigen Hirsch wäre der Einzelne machtlos, wenn er nicht eine Waffe besäße, die andere Köpfe sür ihn erfunden, andere Hände sür ihn geschmiedet haben. Die Vervollkommnung des Menschen im Darwinschen Sinne muß also nach der Richtung hin sortschreiten, daß sich das Individuum immer vollständiger den Zwecken der Gesellschaft unterwirft, daß es die Arbeit seiner Mitmenschen immer besser ausnutzen lernt, zugleich aber auch seine eigene Thätigkeit immer unbeschränkter dem Ganzen zur Verfügung stellt. Wer Darwin richtig versteht, wird seine Rüstung im Kampf ums Dasein darin finden, daß er den Egoismus in sich zu Gunsten der Gesammtheit möglichst unterdrückt, weil in dieser Gesammtheit die eigenthümliche Stärke seiner Gattung liegt.
Wer die Triebe des Eigenwillens rücksichtslos walten läßt, Zucht, Ehre und Sitte gering achtet und die Fesseln, in welche ihn die Gesellschaft einschließt, um sich selbst zu schützen, frech zerreißt, den stößt sie bald aus ihrer Mitte. Das Weib verfällt der Schande, der Mann dem Zuchthaus oder dem Galgen; Nachkommen hinterlassen beide nur in verschwindender Zahl, und diese folgen meist den Bahnen ihrer Eltern und werden, wie sie, früh ausgemerzt. Um Kinder groß zu ziehen, ist die Vorbedingung, daß man sich „eine Stellung gründe", mit anderen Worten, daß man der Mitwelt sein Dasein in irgend einer Weise nützlich oder angenehm mache und durch Gegenseitigkeit ihre Unterstützung verdiene. Indem so die gänzlich unbrauchbaren Elemente der Menschheit immer wieder ausgetilgt wurden — und das zwar in früheren Epochen noch mitleidsloser als heute —, muß die Natnrauslese im Laufe der Jahrhunderte dahin gewirkt haben, daß namentlich diejenigen Tugenden, welche der Selbstsucht entgegenstehen, die gegenseitige Hülse befördern und das Zusammenwirken erleichtern, stärker im Einzelnen und allgemeiner in der Gesammtheit geworden sind. Als solche dürften in erster Linie zu nennen sein: Mitleid, Ehrlichkeit, Uneigennützigkeit. Und Wirklich läßt es sich Nachweisen, daß die Menschheit nach all' diesen Richtungen hin sehr bedeutende Fortschritte gemacht hat.
Wie sehr Mitleid und Menschlichkeit an Kraft gewonnen haben, zeigt sich am deutlichsten in der veränderten Art der Kriegführung. In demjenigen Zeitalter, welches uns die Homerischen Gedichte schildern, verstand es sich ganz von selbst, daß in jeder eroberten Stadt die Männer hingeschlachtet, Weiber und Kinder zu Sklaven gemacht wurden. Als Griechenland in das volle Licht der Geschichte tritt, hat dies rohe Verfahren zwar noch nicht aufgehört; aber nur gegen Barbaren findet es unbeschränkte Anwendung; gegen eine Stadt gleicher Nationalität nur dann, wenn der Zorn des Siegers durch außergewöhnliche