Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

Aber diese Vermuthung beruht nur auf einem Analogieschluß, und ihr steht eine Theorie entgegen, die freilich noch nicht ganz bewiesen ist, aber doch eine sehr große Wahrscheinlichkeit besitzt und täglich neue Anhänger gewinnt; ich meine die Darwinsche. Bekanntlich geht sie von der Annahme aus, daß die­jenigen Individuen einer Gattung, welche zumKampf ums Dasein" schwächer gerüstet sind, in größerem Procentsatz früh Hinsterben als Diejenigen, welche sich besser den eigenthümlichen Lebensbedingungen ihrer Art angepaßt haben. Da die Letzteren folglich zahlreichere Nachkommen hinterlassen und diese die Eigenschaften ihrer Eltern meist ererben, so muß in jeder folgenden Generation die Anzahl der vollkommener organisirten Lebewesen zunehmen, der Durchschnitt sich also stetig heben, bis die minder vollkommenen ganz aussterben. Im Menschenleben wird der Kamps ums Dasein zwar durch Mitleid und gegenseitige Unterstützung sehr gemildert und dadurch dieNaturauslese" in ihrer Wirkung beschränkt, aber ganz hört sie doch nicht auf. Die Schöne und Kluge kann mit größerer Wahrscheinlich­keit erwarten, daß ein Mann sie zur Ehe begehren wird, als die Häßliche und Dumme. Der Jüngling, welcher nicht die Fähigkeit besitzt, sich wenigstens eine bescheidene Stellung zu erringen, wird zwar vielleicht durch fremde Mildthätigkeit am Leben erhalten, aber er kann keine Familie gründen; er hinterläßt also höchstens uneheliche Nachkommen, und unter diesen ist die Sterblichkeit bekanntlich sehr viel höher als unter den legitimen. Die Ausnahmen, welche durch ererbten Reich­thum und andere Momente ähnlicher Art hervorgerusen werden, sind im Verhältniß zur großen Masse so wenig zahlreich, daß sie auf die Gesammthcit des Menschen­geschlechtes nur einen verschwindenden Einfluß ausüben können. Dazu kommt, daß Kinder von Trunkenbolden oder Leuten, welche mit einer hereditären Krankheit belastet sind, entweder gar nicht lebensfähig oder doch sehr kurzlebig zu sein Pflegen, und daß die Fürsorge der Eltern, welche theils durch ihren Charakter, theils durch die Lebensstellung, zu welcher sie sich emporgearbeitet haben, bedingt wird, auf die größere oder geringere Kindersterblichkeit von erheblichem Einfluß ist. So breitet sich der Same der Fürsorglichen, Klugen, Starken, Schönen immer weiter aus, und immer vollständiger werden die ganz Untauglichen ausgemerzt. Werden die Kinder den Eltern ähnlich, wie dies ja Regel ist, so muß auch die Menschheit sich täglich vervollkommnen, und von einem Versinken in Altersschwäche kann nie die Rede sein.

Mit der Darwinschen Theorie wird leider sehr viel Spuk getrieben. Hält man doch in Frankreich, wenn ich Daudet's neuestes Drama richtig verstanden habe, den brutalen Satz:Der Starke frißt den Schwachen," für den Kernpunkt des ganzen Systems und meint demgemäß, jeden Mißbrauch körperlicher oder geistiger Uebermacht durch Darwin rechtfertigen zu können. Das FremdwortstruMls-kor- likeur" ist sogar in die französische Sprache ausgenommen und bezeichnet hier einen Streber ohne Pflicht, Mitleid und Gewissen. Ein gröberes Mißverständniß jener tiefsinnigen Lehre ist kaum denkbar. Wenn allein die Kraft und ihr rücksichts­loser Gebrauch im Kampf ums Dasein das Uebergewicht verliehe, so wären noch heute alle Meere von den gewaltigen Sauriern bevölkert. Wisent und Bär, Wolf und Luchs sind die stärksten und streitbarsten Thiere Europa's; gerade darum aber werden sie in absehbarer Zeit bei uns völlig ausgerottet sein,