Heft 
(1891) 67
Seite
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Zeitphrasm.

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gedacht und gethan haben; und was bedeutet Epigonenthum denn anderes als Nachtreterei? Die wir aus unserer Zeit genauer kennen, sind also säst alle Epigonen; von Denjenigen, welche uns aus früheren Zeiten bekannt werden, nur ein verhältnißmäßig geringer Theil: was Wunder, daß da Jeder seine eigene Epoche sür eine Epigonenzeit hält? Dies aber haben auch die Athener des Perikles und die Holländer Rembrandt's gethan, weil sie genau dieselben Er­fahrungen machen mußten wie wir heute.

Aber stehen nicht auch die Besten des heutigen Deutschlands hinter ihren Vätern zurück? Nun, auf den Gebieten der Politik und des kriegerischen Ruhmes, der Volkswirthschaft, Technik und Industrie wird dies auch unserDeutscher" nicht behaupten: bleiben also Kunst und Wissenschaft. Daß Gottfried Keller nicht an Goethe heranreicht, unterliegt keinem Zweifel; auch daß Mommsen, den der Verfasser schmäht, weil er ihn nicht kennt, von Niebühr überragt werde, kann man mit einigem guten Willen zugeben; meinethalben mag selbst Cornelius größer sein als Menzel: was aber ist damit bewiesen? War nicht auch Sophokles größer als Euripides, van Eyck größer als Memling, Tizian als Paul Veronese, Rembrandt als Pieter de Hoogh, Schiller als Kleist, und wer möchte es dennoch wagen, diese für schwächliche Epigonen von Jenen zu erklären? Wer dem geistigen Leben neue Gebiete erobert, ist niemals ein Epigone, mögen seine Kräfte auch schwächer, seine Erfolge minder groß sein als die seiner Vorgänger, und keine Epoche hat zahlreichere Eroberungen dieser Art gesehen als die unsrige. Selbst daß ein Menzel hinter einem Rembrandt zurückstehe, halte ich nicht für absolut unzweifelhaft, obgleich es freilich mir und wahrscheinlich auch ihm selbst so scheint. Michelangelo, dem es wahrlich nicht an Selbstbewußtsein fehlte, schaute in tiefer Demuth zur Antike empor, und doch war dasjenige, was sie sür ihn vertrat, nicht die Parthenonsculpturen oder der Hermes des Praxiteles, sondern nur die schwache Nachahmerarbeit der römischen Kaiserzeit, welche an seine eigenen Schöpfungen nicht entfernt heranreichte. So trügerisch ist der Maßstab, an dem wir unsere eigene Größe gegen die der Alten zu messen pflegen!

Doch vielleicht ist es eine Naturnothwendigkeit, daß es mit uns bergab und dann in immer reißenderer Schnelle zu Thal gehe. Zwar unserDeutscher" sagt dies nicht; er ist im Gegentheil der Meinung, daß uns in Kurzem ein neuer Aufschwung bevorstehe. Aber manchen ernsteren Geist von tieferer historischer Bildung hat dieser trübe Gedanke schon beschäftigt, und Wohl ist er einer Er­wägung Werth. Wie der einzelne Mensch sich aus der Schwäche der Kindheit allmälig zur leiblichen und geistigen Vollkraft des Mannesalters erhebt und dann langsam in die zweite Kindheit eines matten Greisenthnms zurücksinkt, so, meint man, vollziehe sich auch die Entwicklung der Nationen, und das Schicksal der Griechen und Römer, der einzigen Völker, deren Geschichte wir in ihrem ganzen Verlaufe klar zu überblicken vermögen, scheint diese Ansicht zu bestätigen. Ihre gewaltige Lebenskraft hat sich in dem kurzen Zeitraum weniger Jahrhunderte erschöpft, während wir Deutschen schon auf eine zweitausendjährige Geschichte zurückblicken. Sollte man da nicht erwarten, daß auch bei unserer Nation sich die Alterserscheinungen endlich zu zeigen beginnen, und folglich die Klage, daß die Menschen schlechter würden, diesmal ausnahmsweise begründet sei?