Heft 
(1891) 67
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Deutsche Rundschau.

dem Gewühl verloren, hin und wieder ein vornehmes Gesicht; aber die Durch­schnittshöhe der Leistungen ist so unendlich viel niedriger als bei den alten Meistern, daß man kaum umhin kann, seufzend an den Verfall der Kunst zu glauben. Gleichwohl wäre dies Urtheil kein gerechtes, weil es nicht in Betracht zöge, in wie verschiedener Weise die Sammlungen alter und moderner Kunstwerke sich zu bilden pflegen. Auch zu Rembrandt's Zeiten gab es mittelmäßige und schlechte Maler in viel größerer Zahl als gute; auch damals wurden Einzelne von Jenen sogar hoch gefeiert, wie uns z. B. begeisterte Lobgedichte auf einen gewissen Pieter Lastman erhalten sind, den heute nur noch der Kunstgelehrte kennt. Aber die Jahrhunderte sind wie ein großes Sieb, das die Spreu von dem Weizen sondert. Die schlechten Bilder, auch wenn sie ihrer Zeit geschätzt waren, erkennt man endlich als das, was sie sind, und vernachlässigt sie; so gehen sie unter oder werden in den Rumpelkammern der Antiquitätenhändler begraben; die guten dagegen hütet man, und das um so sorgsamer, je besser sie sind. Wo nicht, wie bei der Antike, der blinde Zufall waltet, ist daher das Erhaltene von den Schöpfungen vergangener Zeiten auch in der Regel das Beste, und von diesem Besten kommt das Allerbeste in die großen Museen, während Privat- und Provinzialsammlungen sich meist mit den Stücken zweiten Ranges begnügen müssen. Auch die modernen Galerien werden mit Auswahl zusammen­gebracht; sie machen daher immer noch einen erfreulicheren Eindruck als irgend eine beliebige Kunstausstellung. Aber man wählt nach der Mode der Zeit, mitunter selbst nach persönlichen Motiven; die Sichtung ist also weder so unparteiisch noch so gründlich, wie sie durch die Jahrhunderte vollzogen wird. Ueberdies begnügt man sich in der Regel, Wenn die bedeutendsten Künstler, deren Werke ja auch am kostspieligsten zu sein Pflegen, durch einzelne Bilder vertreten sind, und sucht dafür möglichst viele geringere durch Ankäufe zu beglücken. Da nun die Genies zu keiner Zeit sehr gemein gewesen sind, muß auf diese Weise natürlich viel Mittelmäßiges sich anhäufen. Die modernen Sammlungen zeigen uns also im besten Falle einen anständigen Durchschnitt des heutigen Kunst­vermögens, während in den historischen Museen selbst die schwächeren Stücke noch ganz beträchtlich über dem Durchschnitt ihrer eigenen Zeit stehen. Daß da der Vergleich für uns nicht günstig sein kann, liegt auf der Hand.

Aehnlich steht es auf allen Gebieten des geistigen Lebens. Die Bücher haben ganz dasselbe Schicksal wie die Bilder; das Schlechte aus früheren Jahrhunderten ist mit wenigen Ausnahmen verschwunden oder es modert unbekannt in den großen Bibliotheken; nur das Beste wird noch gelesen und bestimmt das Urtheil über die ganze Zeit. Und das Gleiche wiederholt sich bei den Menschen. Von der breiten Masse unserer Ahnen wissen wir äußerst wenig; nur über Diejenigen besitzen wir genauere Kunde, welche ihr Bild den Tafeln der Geschichte eingeprägt haben, und begreiflicher Weise sind dies in der Mehrzahl die Größten ihrer Epoche. Dagegen führt uns das tägliche Leben fast nur mit Mittelmäßigkeiten zusammen; Unzählige gehen zu Grabe, ohne je mit einem Manne, den künftig die Geschichte nennen wird, auch nur ein Wort gewechselt zu haben. Der kleine Geist ist immer Epigone; denn wer nicht selbst erfinden kann, beschränkt sich eben nothgedrungen darauf, nachzusagen und nachzumachen, was Größere vor ihm