Zeitphrasm.
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aus unzähligen sei angeführt. Als Goethe und Schiller und mit ihnen die deutsche Dichtkunst aus ihrer Höhe standen, da jammerten Viele, daß die goldene Zeit der Literatur mit Klopstock, Gleim und Lessing zu Grabe getragen sei und nur noch ein ärmliches Epigonenthum herrsche:
„Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,
Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!"
Dazwischen hört man zwar hin und wieder auch solche Urtheile wie das Wort Hutten's: „Es ist eine Freude, in dieser Zeit geboren zu sein!" Aber immer werden sie durch die Mehrheit niedergestimmt, wie das wahrscheinlich auch mir ergehen wird. Schon im siebenten Jahrhundert v. Ehr. sang man daher in Griechenland die Mähr, ursprünglich hätten die Völker gelebt ohne Schmerz und Laster; auf dies goldene Zeitalter sei das silberne gefolgt, dann das eherne, endlich das eiserne, jedes reicher an Sünde und Leid als das vorhergehende. Diese uralte Sage ist nur der logische Schluß aus der Beobachtung, daß, so weit das Ge- dächtniß zurückreichte, jede Generation behauptet hatte, zur Zeit ihrer Väter seien Welt und Menschen besser gewesen. Wer diesen ewig wiederholten Klagen naiven Glauben schenkte, mußte natürlich zu der Anschauung gelangen, daß die glücklichste Zeit der Menschheit an ihrem ersten Anfang liege und ihre Entwicklung in stetig fortschreitender Degeneration bestehe. Noch im vorigen Jahrhundert hat Rousseau diesen Jrrthum wiederholt und in ein System gebracht; Anklänge daran finden sich auch bei Schopenhauer; in der Hauptsache dars er aber doch Wohl als überwunden gelten. Wir wissen also, daß jene Klage sehr oft ohne Grund erhoben ist; ohne Zweifel aber beruht die Täuschung, durch welche sie hervorgerufen wurde und wird, auf einem Gesetz von derselben allgemeinen Gültigkeit, wie dasjenige ist, welches uns den Regenbogen oder die Fata Morgana vorgankelt. Denn sonst würde sie uns nicht in der Kindheit der Völker ganz ebenso entgegentreten wie auf ihren Höhepunkten und bei ihrem Niedergange. Zu glauben, wir befänden uns wirklich im Verfall, weil so Viele den Verfall der Zeit wahrzunehmen meinen, ist also nicht besser als die Annahme wäre, mit Sonnenaufgang würden sämmtliche Sterne vernichtet, weil sie bei Tage Keiner wahrnimmt.
Nichts Neues kann entstehen, ohne daß etwas Altes Platz machen müßte, und es gibt nichts Altes, an dem nicht viele Herzen hingen. Diese beklagen immer seinen Untergang und wollen nicht erkennen, daß der Ersatz gleichwertig oder gar besser ist. Zudem findet der Greis schon deshalb, daß in seiner Jugend Alles schöner gewesen sei, weil eben die Jugend selbst ihm damals Alles verschönte. „Weil mein Fäßlein trübe läuft, so geht die Welt auch auf die Neige," sagt der alt gewordene Mephistopheles. Die Greise aber sind es, welche zu allen Zeiten die öffentliche Meinung beherrschten; denn sie besitzen in Folge ihrer früheren Leistungen die Autorität, welche sich der Jüngling erst erkämpfen soll.
Dazu kommt noch ein Zweites, das auch in der Jugend selbst jene Täuschung nur allzu leicht hervorruft. Wer in Berlin aus dem alten Museum in die Nationalgalerie hinübergeht oder in Dresden aus den unteren Stockwerken der Gemäldesammlung hinaufsteigt in die oberen, wo die modernen Bilder hängen, dem kommt es freilich vor, als trete er aus einer Gesellschaft von Fürsten und Königen hinaus in das leere Treiben der Gasse. Zwar erblickt er auch hier, in