Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

den Verfügungen der Regierung zu Tage getreten sind, werden hier zusammen­fassend in ein System gebracht, und dieses ist um so wirksamer, weil es die pedantische Form des Systems äußerlich vermeidet.

Ich habe nicht die Absicht, das Buch zum hundertsten Male zu kritisiren oder gar über denheimlichen Kaiser" und andere Wunderlichkeiten einen wohl­seilen Spott zu ergießen. Nicht dasjenige soll uns hier beschäftigen, worin der Verfasser neu und eigentümlich ist denn diese Dinge gleiten auch ohne Widerlegung wirkungslos an dem Leser ab sondern dasjenige, was bei ihm die herrschende Tagesmeinung widerspiegelt. Daß sein Buch so ungeheures Aus­sehen gemacht hat, ist eben der schlagendste Beweis dafür, wie verbreitet die Jrrthümer sind, welche es verkündet. Immer wieder nachgesprochene Phrasen, welche unsere Auffassung von uns selbst und unserer Zeit verfälschen, uns die Freude an den Fortschritten unserer Kunst und Wissenschaft verkümmern und unsere geistige Entwicklung auf falsche Bahnen zu leiten drohen, haben durch ihn ihre schärfste und geistvollste Ausprägung gefunden, und solche Phrasen sind eine Macht, gegen die ein ernstes Anlämpfen keineswegs überflüssig erscheint. Unser Angriff richtet sich also gegen jenen namenlosenDeutschen", nicht insofern er selbst ein wunderlicher Kauz ist, sondern insofern er unzählige Deutsche, und darunter nicht die schlechtesten, für uns repräsentirt.

Ihm erscheint der deutsche Professor als der Gottseibeiuns, in welchem sich das böse Princip verkörpert; sein Specialismus, seine dürre Verstandescultur soll die jetzige Generation zu Grunde gerichtet haben. Man wird es einem Angehörigen dieser verruchten Menschenrasse Wohl verzeihen, wenn er ein wenig pro äomo redet und deshalb die Frage nach dem Verhältniß von Kunst und Wissenschaft zum Mittelpunkte seiner Erörterungen macht. Man fürchte nicht, daß ihn sein Stand zur Ungerechtigkeit gegen die erstere verleiten könne. Denn die Beschäftigung mit der Kunst ist ihm immer die angenehmste Ausfüllung seiner Mußestunden gewesen, und es ist ja wohlbekannt, daß Jeder sein Luxusrößlein zum mindesten ebenso lieb hat wie den Gaul, der ihm sein Korn in die Scheuer fahren muß.

I. Unser Mgonenthum.

Das Buch beginnt mit einem Satze, der zugleich den Grundton seines ge- sammten Inhalts anschlägt:Es ist nachgerade zum öffentlichen Geheimniß ge­worden, daß das geistige Leben des deutschen Volkes sich gegenwärtig in einem Zustande des langsamen, Einige meinen auch des rapiden Verfalles befindet."

Oeffentlich" ist dies freilich, denn alle Welt sagt es; einGeheimniß" auch, denn kein Mensch kann es wissen. Buchstäblich also hat unserDeutscher" Recht; doch wenn er dasjenige, was Jedermann behauptet, darum auch für eine unbestreitbare Thatsache hält, so ist er im Jrrthum.

Schon Homer ist der Meinung, daß seine Zeitgenossen im Vergleich zu ihren Ahnen ein tief herabgekommenes Geschlecht seien, und seitdem kehrt in jeder Epoche, über deren Ansichten und Stimmungen wir hinreichende Zeugnisse besitzen, ausnahmslos dieselbe Klage wieder. Nur das Nächstliegende Beispiel