Heft 
(1891) 67
Seite
407
Einzelbild herunterladen

eitphrasen.

Von

Otto Seeck.

Zwar klingen Schmeicheleien Jedem lieblich ins Ohr; doch nach dem Gesetze des Contrastes haben die Meisten es auch nicht minder gern, wenn ihnen einmal mächtig ins Gewissen gedonnert wird. Tritt ein Prediger, dem es mit seiner Sache heiliger Ernst ist, auf den Markt und ruft das uralte Wort:Thut Buße und bekehret Euch!" aufs Neue in die Welt hinaus, so kann er sicher sein, eine gläubige und begeisterte Gemeinde zu finden. Ein solcher Prediger ist der anonyme Deutsche", welcher uns neuerdings mit dem seltsamen BucheRembrandt als Erzieher" beschenkt hat. Wie alle Propheten dieser Art, ist auch er von der schmerzlichen Ueberzeugung durchglüht, daß sein Vaterland in die Sünde Wider den heiligen Geist, welche aller Sünden schwerste ist, tief versunken sei; auch er sieht das Reich Gottes nahe herbeikommen und hofft seinen Sieg durch diese Bußrede beschleunigen zu können. Da, was er sagt, ihm aus dem tiefsten Herzen kommt, findet es den Weg zum Herzen. So kann es nicht fehlen, daß auch zu seinen Füßen eine andächtige Menge sitzt und zerknirscht seinen Worten lauscht. Daher der beispiellose Erfolg des Buches. Denn wann hat man es sonst in Deutschland erlebt, daß eine Druckschrift, die weder politische Broschüre noch Sensationsroman ist, es in weniger als zwei Jahren bis zur fünfunddreißigsten Auflage bringt!

Aber diese Wirkung hat noch einen zweiten Grund. Der Verfasser ist der ehrlichen Ueberzeugung, sich gegen seine Zeit zu stemmen und sie zur Umkehr zu drängen auf ihren falschen Wegen; thatsächlich aber schwimmt er mit dem Strome der Zeit und prägt nur dasjenige, was Unzählige mehr oder weniger deutlich empfinden, in die Form derb schlagender Aphorismen. Jeder Leser wird sich durch einzelne Paradoxen zum Widerspruche gereizt fühlen; die Mehrzahl aber begleitet gewiß die meisten Sätze mit dem wohlbekannten:Das Hab' ich längst gesagt oder sagen wollen!" Und gerade darin liegt die Bedeutung des Buches, daß es so Vielen aus dem Herzen geschrieben ist. Stimmungen und Meinungen, die vereinzelt bald in der Tagespresse, bald in den Parlamenten, bald selbst in