Heft 
(1891) 67
Seite
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Zeitphrasen.

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Kenner brauchen wir," schreibt unserDeutscher". Mich dünkt, wir brauchen sie beide, weil die Einen auf die Anderen angewiesen sind. Je mehr Kenner es gibt, desto besser für die Könner! Er beklagt es, daß auch der Name Rembrandt's von demLeichengeruch der Kennerschaft" umwittert sei, und doch ist gerade dies eine unabweisliche Nothwendigkeit. Die Schroffheit dieser Indi­vidualität ist so groß, ihre Eigenart grenzt so nahe an Einzigart, daß weitaus die Meisten, wenn sie zum ersten Male vor ein Bild Rembrandt's hintreten, geradezu antipathisch davon berührt werden. Es bedarf der liebevollen Hingabe, Welche den echten Kenner charakterisirt, um diese wilde Großartigkeit überhaupt verständlich und dadurch genießbar zu machen.

Und dazu das lebenslange Ringen eines gewaltigen Künstlergeistes, damit die kleine Schar der Kenner ihr aristokratisches Vergnügen habe? Ganz so schlimm steht es nun freilich nicht. Individualität und Volksthümlichkeit, die sich an­fangs ausschließen, finden endlich doch noch eine Brücke zu einander, und zwar geht das so zu. Der individuelle Künstler wird zuerst nur von den congenialen Geistern genossen, denen sich eine sehr geringe Zahl echter Kenner anschließt. Nun gibt es aber sehr Viele, die sich auch gern als Kenner aufspielen möchten und dies nicht besser zu erreichen wissen, als indem sie die Urtheile jener echten, welche immer eine gewisse Autorität besitzen, sklavisch nachbeten. So mehrt sich der Kreis der Bewunderer, und endlich wird es Mode, für den betreffenden Künstler zu schwärmen. Um mitreden zu können, muß der sogenannte Gebildete sich mit ihm beschäftigen; er prägt sich Citate des Dichters ein und preist an dem Maler Composition, Helldunkel oder Pinselführung, wie ihm dies vorgesagt wird. Doch was er nachspricht, lernt er, wenn auch zunächst nur mechanisch, kennen; die Art des Künstlers wird ihm erst geläufig, dann vertraut, und am Ende vermag er aus ganzem Herzen zu bewundern, was er vorher nur der Mode zu Gefallen gelobt hatte. Er macht also denselben Lehrcursus unter Vermittlung des Kenners durch, dem dieser sich selbständig unterzogen hatte, und was erst der Masse der Gebildeten angehört, das dringt langsam auch in die Masse des Volkes hinab. So geht es mit Goethe, so scheint es bald auch mit Rembrandt werden zu wollen. Indem die Menge sich in den Gedankenkreis eines großen Mannes, welcher ihr anfangs ganz unverständlich war, unter dem Zwang der Mode allmälig hinein­finden lernt, kann dann der Künstler bis zu einem gewissen Grade wirklich zum Erzieher seiner Nation werden.

Mitunter freilich will auch ein großer Meister nicht recht in Mode kommen; doch braucht darum sein Lebenswerk für die Menge noch nicht verloren zu sein. Er findet Nachahmer unter den Künstlern zweiten Ranges, und diese machen seine Individualität, indem sie sie verflachen, dem Pöbel aller Stände erst mund­gerecht. Die Wirkung ins Breite geht dann freilich nicht unmittelbar von ihm selbst aus, sondern nur von dem Abglanz, den er über seine Epigonen verbreitet. So finden jene unglücklichen Drei, die unserDeutscher" so sehr verabscheut, Kennerschaft, Mode und Nachahmerthum, doch ihre berechtigte Stelle im Haus­halte der Cultur, und wieder bewährt sich der alte und doch nie beherzigte Satz, daß Alles, was ist, auch gut ist.

(Ein zweiter Artikel folgt.)