Leben um zu lieben.
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Tito, der Bäcker, Gigi, der Destillateur, der Geometer Siro, der ganze Chor billigte den Gedanken, und sie wandten mir ihre fröhlichen Gesichter mit einer Gebärde zu, welche aufrichtige Freude auszudrücken schien.
„Doctor, der Sie zum Hause gehören, Sie müssen Etwas darüber wissen."
Zuweilen gefalle ich mir darin, gewisse Wunden zu reizen, wenn ich wenig Hoffnung habe, sie zu heilen:
„Wenn ich den Arzt mache, weiß ich nichts; wenn ich den Hausfreund mache, kenne ich meine Pflicht und schweige."
„Bravissimo," sagte mir der Bürgermeister.
Nachdem ich diese ziemlich barschen Worte gesprochen, wie sie zu sagen Denen gestattet ist, die in der Heilkunst alt geworden sind, nahm ich die Gelegenheit wahr, mich zu entfernen; denn auch ich war neugierig, zu erfahren, wie die Sache abgelausen sei.
Der Bürgermeister von Quattrozeri war noch im Hause. Dort war auch der Advocat, welcher sich, auf eigene Rechnung, bei Tagesanbruch aus dem Velociped eingestellt und alsbald im Hause seiner Braut Obdach gesucht hatte.
„Ist es erlaubt . . .?"
„Herein! herein!" riefen zugleich die Stimmen Mariens und ihres Verlobten.
Der Bürgermeister von Quattrozeri kannte mich seit einer guten Weile und bot mir sogleich die rechte Hand, eine gewaltige Hand, an welcher ein Brillant funkelte, während er in der Linken hartnäckig den schwarzen Handschuh hielt, um das Ceremoniell nicht ganz zu verletzen.
Bevor ich dem Bürgermeister die biedere Rechte drückte, ergriff ich Mariens Händchen und hielt es fest, während ich mich nach ihrem Wohlsein erkundigte.
„Bin ich nicht im Wege?" fragte ich; „Sie sprachen wahrscheinlich . . ."
Marie war die Erste, welche antwortete.
„Der Cavaliere Alessio hat bei der Mama um meine Hand für Emilio angehalten; die Mama hat sie ihm schon bewilligt; zwischen uns war die Sache seit gestern abgemacht."
Sie brach in ein unschuldiges Lachen aus, welches die doppelte Autorität des Vaters und Bürgermeisters zu einem Lächeln zwang.
Da die schwierigen bürgermeisterlichen Obliegenheiten ihm öftere Abwesenheit nicht gestatteten, so wollte der Cavaliere Alessio unverzüglich in die Verhandlung des Ehecontractes eintreten; worauf Marie, mit feiner Empfindung, dem Verlobten einen kleinen Spaziergang vorschlug:
„Kommen Sie mit uns, Doctor," setzte sie hinzu; „wenn in Ihrem schönen Italien ein Mädchen allein spazieren geht, so drehen die Leute sich um . . ."
„Und wenn sie von einem jungen Manne begleitet wird, so drehen sie sich erst recht um; aber ich kann nicht; ich muß einen Kranken auf dem Lande besuchen."
„Wir gehen mit! Die Mama wird unterdessen mit meinem Vater sprechen," sagte der Advocat; „nicht wahr, Mama?"
Zwei Thränen des Trostes traten der armen alten Jungfer in die Augen, als sie dieses Wort hörte; sie erwiderte, daß Alles gut gehen werde.