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Leben um zu lieben. 425
der Erinnerung — nicht umsonst hatte er Griechisch gelernt — und daß der volksthümliche Name „Vergißmeinnicht" ist. Kaum hatte er dies gesagt, so schlug er die Augen zu Boden, in der Hoffnung, daß die Natur ihn wenigstens eines finden lassen werde, um es der Geliebten darzubieten. Aber die Natur war grausam; die m^osotw blühte zu dieser Jahreszeit nicht.
Er jedoch, da er durchaus eine finden wollte, entfernte sich einige Schritte von uns, und plötzlich (ich hatte es erwartet) fand er eine wunderbare Pflanze und rief Marien zu, daß sie kommen möge, um zu sehen. So ließ Marie meinen Arm.
Nun trocknete ich mir den Schweiß ab und ging hinter den beiden Liebenden her, die, ihrer Freiheit zurückgegeben, sich eine Weile damit beschäftigten, die Blumen und die Merkwürdigkeiten der Hügel aufzusuchen; dann vergaßen sie Alles, Alle und auch den Doctor, der in einiger Entfernung den Nachtrab bildete, und halblaut sagte, daß sie sich sehr lieb hätten.
Die kleine Meierei, zu der ich wollte, lag zwei Schritte von hier; sie erschien plötzlich unter den Oliven, von denen sie bisher verborgen worden. „Wartet einen Augenblick auf mich, ich bin sogleich wieder da."
Der Advocat hörte mich nicht einmal; Marie verstand meine Worte und lächelte mir kaum zu. Dies Lächeln bedeutete, daß ich mich nicht zu beeilen brauche.
Aber der Kranke hielt mich über eine Viertelstunde lang in ernster Sorge; er zeigte die Symptome einer Krankheit, deren Namen man sich auszusprechen scheut. Seine Frau, welche die ganze Nacht ihm beigestanden hatte, fühlte ihre Kräfte nicht mehr ausreichen; ihr seien alle Glieder wie zerschlagen, sagte sie mir; zwei kleine, halbnackte Kinder, die auf einem engen, von einer Hecke eingehegten Platz spielten, steckten ab und zu den Kopf ins Haus, um eine Liebkosung oder einen Kuß von der Mama zu holen. Aber selbst ihren kleinen Geschöpfchen einen Kuß zu geben, war heute eine Anstrengung geworden für dies arme Weib.
Ich wollte wissen, wie ihr Mann krank geworden sei. Das war so zugegangen: Baciccin, bevor er Landmann geworden, war Matrose gewesen und hatte eine Leidenschaft behalten für die See, für die Schiffe, für die Kameraden von ehedem . . . Als er erfuhr, daß im Hafen von Quattrozeri die „Bella Francesca" von einer Fahrt nach Indien angekommcn sei, wollte er diesen Sonntag seine alten Gefährten aufsuchen; er fand nur drei davon am Leben; zwei Andere waren unterwegs gestorben.
Friede den Todten, guter Wein den Lebendigen. Er war nach Haus zurückgekehrt in einem Zustande, daß er sich nicht auf den Füßen halten konnte; war es der gute Wein gewesen oder ein wenig Branntwein? oder die Krankheit, die ihn befallen hatte? Thatsache war, daß er sich zu Bett gelegt hatte und nicht wieder aufstehen konnte, und es war nothwendig geworden, mich zu rufen.
Während die gute Frau sprach, hatte ich von der Thür aus Marie Vorbeigehen sehen, die eines der Kinder, das hübscheste, auf den Arm genommen hatte. Hübsch, aber schmutzig; und doch hatte Marie das Herz, es wiederholt auf die Backen und die runden Aermchen zu küssen. Ich hätte von meinem Platz rufen