426 Deutsche Rundschau.
mögen: „Thun Sie es nicht, küssen Sie diesen Kleinen nicht;" aber da war es schon gethan.
Ich beschleunigte den Besuch, verschrieb Etwas und sagte in großer Bestürzung zu meinem Taubenpärchen: „Gehen wir rasch nach Haus, man wird auf uns warten."
„Was ist geschehen?" fragte mich Marie, die Etwas gemerkt hatte; der Advocat merkte nichts, er war zu verliebt.
„Ich weiß noch nicht recht; in diesem Haus," antwortete ich, indem ich instinktmäßig den Schritt beeilte, um uns so schnell wie möglich davon zu entfernen, „in diesem Hause ist eine ansteckende Krankheit . . . und ich fürchte, daß sie durch die „Bella Francesca" eingeschleppt worden."
„Wer ist die „Bella Francesca?" . . .
Ich sagte das Wort nicht, aus Furcht, daß es meine Liebenden zu sehr erschreckt hätte, und auch weil ich die Hoffnung bewahren wollte, daß ich mich getäuscht; aber schließlich schien mir, daß Baciccin die asiatische Cholera habe.
Auf dem Heimwege geschah es, daß ich, anstatt meinen Tauben zu folgen, ihnen mehr als einmal voraus war; dann wandte ich mich um, und sah den Advocaten einige Brombeeren brechen und mit den Fingern Marien zwischen die Lippen stecken, oder alle Beide gebückt, Maßliebchen oder Feldwinden pflücken. Da ich sah, daß sie meine Eile nicht hatten, fühlte auch ich keine mehr, setzte mich ins Gras, und sagte ihnen laut, daß sie sich's bequem machen möchten, während ich leise einem lästigen Gedanken sagte: geh, geh, geh! Der Gedanke ging für eine Weile, aber um stärker wiederzukehren als zuvor. „Deine Pflicht als Arzt," sprach er, „gebietet Dir, dem Bürgermeister von Trezeri und Quattrozeri die Entdeckung sofort mitzutheilen, die Du heute gemacht hast, damit man alle Vorsichtsmaßregeln an Bord der „Bella Francesca" treffe und den Matrosen verboten werde, ans Land zu kommen, den Bewohnern des Ortes hinabzusteigen, um Einkäufe an der Marina zu machen. Die Bürgermeister sind durch einen glücklichen Zufall alle beide in Trezeri; dort angelangt, machst du zwei mündliche Berichte, heute Nacht wirst du sie dann schriftlich aufsetzen."
Man mußte mir auf der Stirn die keineswegs heiteren Gedanken lesen können; aber das junge Mädchen und der junge Advocat waren einzig damit beschäftigt, sich in die Augen zu blicken, und wenn sie kamen, mich um Entschuldigung bittend, und ich die Rakete eines Scherzes steigen ließ, welche jedoch nicht hoch ging, so merkten sie nichts, und der Advocat machte mir sogar ein Kompliment darüber, daß ich immer meinen guten Humor bewahre.
Ach ja, eine schöne Sorte von Humor, der eines Kreisarztes, welcher einen offenbaren Fall von Cholera hat, — denn mir selber dürft ich es nicht länger verschweigen.
Als Marie ihr Taschentuch mit Blumen gefüllt hatte, holte sie mich ein, und versprach mir, daß sie nun keine mehr pflücken werde, vergaß aber bei den ersten Schritten ihr Versprechen, um von einem Oelbaum einen Zweig zu brechen, den sie, da kein Platz mehr im Tuch war, ihrem Bräutigam in die Hand legte.
„Verwahr' ihn gut, denn er ist das Sinnbild des Friedens. Nicht wahr, Doctor?"