Heft 
(1891) 67
Seite
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Leben um zu lieben.

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So kamen wir nach Trezeri, sie mit den großen Thorheiten ihrer Liebe be­schäftigt, ich bekümmert über das Erlebte.

Wir traten in Fräulein Juliens Haus mit einigem Lärm; die Verlobten brachten sogleich zum Vorschein den Oelzweig, die Blumenernte von den Hügeln, und ihre kaum geborene, jedoch schon zusehends gewachsene Liebe.

Was ist Ihnen?" fragte mich die alte Freundin.

Mir? Nichts; vielleicht, weil ich einen Kranken gesehen habe, der mir nicht gefällt, zeigt meine Miene Besorgniß. Wo ist der Bürgermeister?"

Er war nach Quattrozeri zurückgekehrt; er wollte uns Alle zur verabredeten Stunde mit dem Wagen abholen lassen.

Es fehlte noch eine gute halbe Stunde, und sie reichte hin, um die vier Säle des Clubs mit Schrecken zu erfüllen. Ich hatte mit leiser Stimme zwei Worte kaum dem Bürgermeister von Trezeri ins Ohr gesagt; aber dieser Treff­liche schrie sogleich aus Leibeskräften:Wir haben die Cholera in der Meierei des Baciccin!"

Still!" rieth ich,die Furcht ist fast schlimmer als das Uebel."

Still!" wiederholte der Bürgermeister,wenn einer von der Sache nur ein Sterbenswörtchen laut werden läßt, wissen Sie, was geschehen wird? zum min­desten dies, daß die wenigen Badegäste Reißaus nehmen."

Der Schlächter und der Bäcker hielten den Mund; aber der schweigsame Notar, der schon den ganzen Betrag der vermietheten Wohnung in der Tasche hatte, löste die Zunge, um zu sagen, daß man sofort Vorkehrungen treffen, den Gemeinderath versammeln und irgend etwas vom Unterpräfekten von Quattrozeri, ja sogar vom Ministerium, verlangen müsse. Da drei Gemeinderäthe zugegen waren, so fürchtete ich, man werde sogleich in die Debatte eintreten, um noch vor dem Abend ganz Trezeri in Schreck zu setzen, und die Folgen würden mich nicht einmal in Frieden mit den Verlobten haben speisen lassen.

Still!" empfahl ich noch einmal;ich könnte mich auch getäuscht haben; ich wünsche es aufrichtig; gewiß. Was ich heut gesehen habe, beunruhigt mich und muß auch Sie beunruhigen; aber beunruhigen wir uns mit Ruhe."

Auch die Wortspiele führen zu Etwas; zuerst lachte ich darüber, und die Andern thaten es mir nach. Ich erbot mich, nach Quattrozeri zu gehen, um meine fünf Kollegen zu bitten, mit mir zusammen eine Konsultation am Bette des Kranken abzuhalten.

Noch während ich sprach, kam der Wagen des Bürgermeisters Alessio; ich bat zum letztenmal Alle, verschwiegen zu sein, und begab mich zu Fräulein Julie. Wenige Minuten daraus kamen wir zu Vieren wieder am Club vorbei, ich sah noch einmal vom Kutschenschlag aus die langen Gesichter, die ich soeben verlassen hatte und die mir noch länger geworden schienen durch die Furcht. Ich hatte neben mir Fräulein Julie; zur Seite Mariens hatte sich der Advocat Emilio gesetzt, der, um dieser wonnigen Nähe nicht verlustig zu gehen, das Velociped im Hofe gelassen mit dem Vorsatz, es bei der Rückkehr mitzunehmen.