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Deutsche Rundschau.
V.
Der Rest des Tages verlief heiter, denn ich wollte den Tischgenossen nicht den Appetit dadurch verderben, daß ich als Vorgericht die böse Krankheit auftrug. Statt dessen hatten wir ein Vorgericht von gekochtem und rohem Schinken, von Sardellen, von Anchovis, von Butter, von Straßburger Gänseleberpasteten und von anderen schmackhaften Sächelchen. Als Nachtrab dieser ganzen verführerischen Garnitur schleppte sich gewichtig die Epopöe eines großen lateinischen Mahles, bestehend aus gebackenen Maccaroni, Truthahn, im Ofen geröstet, ungeheuren Hummern, und ich weiß nicht mehr, welchen anderen Stoffen von gleicher Verdaulichkeit. Die deutschen Damen, welche den Classicismus unserer Tafeln bereits kannten, kosteten nur eben davon, um nicht ganz abzulehnen während der Bürgermeister, um über so viel Sparsamkeit nicht in Zorn zu gerathen, sagte, daß er das Doppelte gegessen haben würde. Aber er sagte nicht die Wahrheit, denn er war in Allem die feste Regel, die Regel, welche keine Ausnahmen und am wenigsten Indigestionen duldete; er häufte Wohl auf feinen Teller einen Berg von Maccaroni oder Braten, aber er berührte nur eben so viel, wie nöthig war. Bei Tische hatte ich bemerkt, daß die nebeneinander sitzenden Verlobten wenig Acht gaben auf die Speisen, um sich in die Augen zu blicken, nur mit einer Hand aßen, der Advocat mit der linken, Marie mit der rechten, die beiden anderen Hände lagen sicherlich ineinander unter dem Tischtuch.
Erst nach dem Kaffee, als der Bürgermeister die Damen um Erlaubniß bat, auf dem Balcon zu rauchen, trat ich. der ich nie rauche, an ihn heran, um ihm von Baciccin zu sprechen.
Der Cavaliere Alessio war ganz und gar nicht erschrocken; denn das Unvorhergesehene existirte für ihn nicht, und nach seiner Meinung müßte es in der Natur nicht vorhanden sein, wenn die Menschen es mit ihrer Thorheit nicht zugelassen hätten. Die Schritte, welche in jedem schwierigen Falle zu thun seien, er kannte sie alle; Benachrichtigung des Bürgermeisters von Trezeri . . . („Ist schon benachrichtigt," versicherte ich. — Nun, dann war es am Bürgermeister von Trezeri, ihn zu benachrichtigen, da die Gefahr eine gemeinsame. — „Gerade diesen Auftrag hatte ich übernommen."—Der Cavaliere Bürgermeister war nachsichtig und fuhr fort:) dem Präfecten Mittheilung machen, die Familie des Kranken im Hause durch gute Bewachung oder im Lazareth isoliren ... die „Bella Francesca" desinficiren und aus dem Hafen entfernen, dies alles geräuschlos thun, um die Einwohner und die Badegäste nicht fliehen zu machen . . . und schließlich Consultation der fünf Aerzte. Der Cavaliere Bürgermeister legte seine Cigarre fort und bat um Erlaubniß, für einen Augenblick auf das Rathhaus zu gehen; ich begleitete ihn, um ihm zur Hand zu sein, und vor Abend war Alles angeordnet; von den fünf Aerzten fanden sich nur zwei verfügbar, die andern sollten durch ihre Kollegen benachrichtigt werden und ihren Besuch machen, sobald sie konnten. Worauf wir mit dem letzten Nachtzuge nach Trezeri zurückkehrten. Der Advocat Emilio ließ beim Lebewohl seine ganze Seele im Waggon. Er wollte jedoch am Morgen sehr früh wiederkommen, um fein Velociped zu holen.
Stets werde ich dieser famosen Berathung gedenken, die wir am folgenden Morgen bei Tagesanbruch hielten. Meine beiden Kollegen, die von einem anderen