Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

Mich dünkt, ich werde noch so stark sein, um sie Beide zu pflegen," sagte Julie;muß es sein, so erkranke ich nachher, und wenn der Himmel mich fort- nehmen will, so werde ich gehen ohne Widerstreben."

Ich fand Mangialesca vor der Thür des Hospitals; er hatte dort eine gute Stunde gestanden, an einen Ulmenbaum gelehnt, war dann auf- und abgegangen und hatte sich zuletzt als Schildwacht an der Hausthür aufgestellt. So ant­wortete er mir, als ich ihn fragte, was er gethan habe:

Nichts; das heißt, ich habe den Neugierigen gemacht; das Hospital hat zwei Kranke ausgenommen, hat zwei Todte zurückgegeben, und mir scheint . . ."

Wenn Du auf meinen Rath hörst," unterbrach ich ihn,so kehrst Du aus Dein Schiff zurück; es ist das Beste, was Dir zu thun bleibt; nein? dann komm."

Ich führte ihn hierauf in das Hospital, in der Hoffnung, dies werde ihn zum Gehen bestimmen; er hingegen bestand darauf, er wolle in Trezeri bleiben; er wolle den Krankenwärter machen, so lang' es nothwendig sei. Ich sprach dar­über mit dem Bürgermeister, mit einigen Gemeinderäthen, und ohne weitere Ver­handlung wurde Mangialesca angenommen.

Ich war froh, mich von ihm befreit zu haben; ich gestehe es aufrichtig; dieser Massimo, der Mangialesca geworden, gehörte mir nicht mehr an; als ich ihn todt geglaubt hatte, war mir von ihm Etwas nicht viel lebendig ge­blieben; nun ich ihn lebend so vor mir sah, schien er völlig todt.

Sogar die Neugier, seine Vergangenheit kennen zu lernen, verlor sich vor dem Gedanken an den Kummer, welchen dieser Mann Fräulein Julien bereiten könne, wenn er je Gelegenheit haben würde, sich zu offenbaren. _

Der Zustand des jungen Advocaten machte mir schwere Sorge, mehr noch als derjenige Mariens- Wie manchmal in jener langen Zeit hörte ich Julien sagen:Nimm mich hin, barmherziger Gott, mich, die ich zu nichts mehr gut bin; aber laß diese beiden Kinder leben, die sich so sehr lieben."

Dieses Anerbieten war ansrichtig, die alte Jungfer legte ihre ganze Seele hinein, Abends und Morgens, und oft, wenn das Tagewerk in der Anstrengung des Nachtwachens sich fortfetzte; und dennoch gab das ihr keine Zuversicht, da sie sich hundertmal hatte vergewissern können, daß der Herr barmherzig sein müsse auf seine Weise und in einer uns nicht selten unfaßbaren Art, die wir ihm unsere Barmherzigkeit einflößen oder leihen wollen.

Unsere Barmherzigkeit," sagte mir einst Fräulein Julie,besteht zuweilen in einem verschwiegenen Eigennutz; die Aufrichtigkeit ist so schwer."

Diese Worte, die der armen Seele entschlüpften, ließen mich an ihren nicht verheimlichten Wunsch denken, in jenem Leben ihren Massimo wieder zu finden, der allnächtlich im Traum an ihr Lager trat, um ihr ein Wort der Liebe zu­zuflüstern.

Aber es war kein ungeduldiges Verlangen, denn Julie, außer der anderen großen Liebe für ihrTöchterlein" Marie, hatte verstanden, alle ihre Gefühle lebendig zu erhalten.

Und zu sagen, daß in diesem Gefolge von Todten Mangialesca die erste Stelle einnahm! Ich wußte nicht recht, wofür ich mich entscheiden sollte, ob