Heft 
(1891) 67
Seite
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Leben um zu lieben.

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Bravo!" wiederholte er mit einem bitteren Lachen;ich habe den Bergmann, den Matrosen, den Krankenwärter, den Apotheker und sogar den Arzt gemacht. . . morgen, wenn Du willst, mache ich den Todtengräber; man probirt es wenigstens, und die Zeit vergeht; aber das wahre Heilmittel des Lebens ist ein anderes."

Ich hatte mich zu lange auf dem Platz aufgehalten, und im Begriff, meinen Weg fortzusetzen, um den gewohnten Besuch bei der theuersten Kranken zu machen, kam mir Fräulein Julie in den Sinn, die eine einzige Liebe, einen einzigen Schmerz gehabt und davon gelebt hatte.

O Gott! und wenn die Arme in Mangialesca den Todten wiedererkennen sollte, den sie noch liebt!

Höre, ich werde erwartet; halte Dich am Strand oder unter der Thür des Hospitals auf, ich werde sogleich wieder bei Dir sein."

Wenn ich Dir nicht lästig bin, begleite ich Dich."

Thue, wie Du willst ..."

Aber der neue Gedanke, welcher mir gekommen war, verdunkelte jeden anderen; Mangialesca mußte meine Unruhe bemerken; während wir schweigend neben einander gingen, lag mir nicht einmal mehr daran, nach der Vergangen­heit eines verlorenen Freundes zu fragen, obwohl sie die Neugier wohl reizen konnte, ich dachte einzig daran, was geschehen könnte, wenn Mangialesca und Massimo's einstige Geliebte sich begegnen würden, Angesicht in Angesicht.

Gerade da zeigte sich in der Hausthür der ungeheure Strohhut, und Fräulein Julie kam mit eilendem Schritt aus mich zu. Jnstinctmäßig ging ich ihr ent­gegen, während ich Mangialesca mitten auf der Straße ließ.

Was ist geschehen?" stammelte ich.

Ein neues Unglück; auch dem Advocaten geht es schlecht . . ."

Und sie theilte mir verwirrt die näheren Umstände mit; sie habe bereits Charlotte nach dem Hospital geschickt, um mich zu holen; da sie mich aber vom Fenster aus auf der Straße mit Jemandem habe sprechen sehen, sei sie selber gekommen, um mich rasch hinaus zu bitten.

Weißt Du, Mangialesca, Du wirst eine Weile auf mich warten müssen," sagte ich leise, als ich zu ihm getreten war.

Er fragte nur:Wer ist diese Carricatur?"

Beruhigt erwiderte ich:Sie hat zwei Kranke im Haus."

Ich fügte nichts weiter hinzu und ließ ihn stehen, um Julie zu begleiten. Sie konnte Massimo nicht wiedererkennen, und sicherlich hatte Massimo die einstige Geliebte nicht wiedererkannt; denn die traurige Zeit, welche zwei Herzen getrennt, hatte jeden Zug der Gesichter verwischt, die einander so oft angeschaut, um sich immer lieber zu haben, um sich nie mehr zu vergessen.

Sicherlich war das Bild des geliebten Mädchens dem Gedächtniß Mangia- lesca's eingegraben, und Massimo war immer lebendig in Fräulein Juliens Seele; aber dafür, daß diese Schattenbilder sich erhalten könnten, war es ein Glück, daß sie der Wirklichkeit nicht glichen.

Ich fand Emilio so schlimm ich mir nur denken konnte. Gekommen, um seinen regelmäßigen Morgenbesuch zu machen, war er glücklich, nun, wenn auch als Kranker, in Maria's Nähe bleiben zu dürfen.