Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

Und ohne etwas mit den Lippen zu erwidern, sagte die Hand, welche in die meine gepreßt war, das Zittern des ganzen Körpers, sagten die Augen von ehe­mals in diesem von der Zeit, von der Sonne, vom Laster und vielleicht von der Schuld unkenntlich gemachten Gesicht, Alles sagte:Dank, Dank, Dank."

Er fuhr noch einmal mit dem Tuch über die Augen, bevor er es mir dar­bot, damit ich den gestickten Buchstaben sähe.

Es ist das Letzte, was mir geblieben," sagte er mir mit jener unangenehmen Rauhheit, welche geeignet schien, die ganze Vergangenheit zu verwischen;man könnte glauben, daß ich Massimo ermordet hätte, um ihm das Tuch und den Namen zu rauben, und statt dessen das Gegentheil: Massimo mußte todt sein für Alle, damit ich einem Andern den Namen rauben konnte."

Du wirst mir Alles erklären ..."

Nein; denn ich habe Dich kaum wiedergefunden; aber vielleicht, bevor ich gehe ..."

Die ,Bella Francesca^ sticht bald wieder in See?"

Ja, bald; sie versieht sich mit Kohlen, und dann geht sie; aber ich fahre nicht mehr mit."

Und dann?" Dann, wenn ich ihn nicht zurück wiese, würde er bei mir eine kurze Zeit bleiben . . . zum Glück sei Trezeri jetzt der Hülfe bedürftig, und ein Seemann, welcher so viel von der Welt gesehen, und bevor er es mit jeder Art zu leben versucht, einige gute Studien in der Medicin gemacht hatte, würde Wenigstens zum Krankenwärter taugen. . .

Wer weiß?" murmelte die rauhe Stimme Mangialesca's, während das Auge wieder sanft ward,wer weiß? das könnte vielleicht der gute Anker sein, um mich zu halten."

Denn er verhehlte sein Vorhaben nicht,die Taue vom Anker loszumachen" und sich Hinaustreiben zu lassen.

Ich bin des Lebens satt," sagt er mir finster, ans Furcht, daß ich ihn nicht verstanden habe.

Mein Beruf ist, gegen den Tod zu kämpfen, und ich verstehe Deinen Ueber- drnß nicht; man muß einmal leben; oft ist dieses Dasein ein Schmerz, zuweilen ist es eine Last, aber es hat immer sein Heilmittel - . . Zweie sind zuletzt fast sicher ..."

Als ich eben hinzusetzen wollte, daß diese beiden Heilmittel Liebe und Arbeit seien, unterbrach mich Mangialesca mit seiner Grabesstimme:

Und habe ich nicht bis jetzt gelebt? Weiß ich, wie ich es gemacht habe? Nein; aber Du siehst Wohl, daß ich athme, und wer kann sagen, wie lange ich's noch sortsetze; denn wir fürchten uns alle vor dem Wasser, das wir nicht kennen."

O, um so besser; der Gedanke des Selbstmords ist mithin ein ungeziemender Spaß?"

Als Spaß erscheint er mir nicht; denn er kommt mir häufig; aber ich fange an, ihm nicht mehr zu glauben, da ich immer noch über Wasser bin. Ich habe mich durchgebracht, ich weiß selbst nicht wie, arbeitend ..."

Bravo!"