Heft 
(1891) 67
Seite
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Leben um zu lieben.

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Beim ersten Morgengrauen hatte er seine fast trockene Kleidung wieder an­gelegt und sich ruhig nach Trezeri gewandt, wo es keiner Schildwache einfiel, sich seinem Eintritt in den verpesteten Ort zu widersetzen. Und in Trezeri, durch die öden Straßen schreitend, begegnete er einem trostlosen Gesicht, in welchem er, unkenntlich gemacht nicht durch die Jahre, sondern durch die Verwüstung des unsteten Lebens, ein befreundetes Antlitz wiedererkannte, das meine.

Er rief mich von Weitem beim Namen, und kaum, daß ich stehen geblieben auf der Straße, so näherte er sich mir, um mir schüchtern zu sagen:

Ich habe Dich gleich wiedererkannt, obwohl auch Du sehr verändert bist."

Wer bist Du?"'

Erinnerst Du Dich meiner nicht mehr? .. . sieh mich recht an. . . jetzt nennen sie mich Giuseppe Mangialesca, aber mein wahrer Name ist Massimo ..

Massimo! was für ein Massimo?" fragte ich unwirsch, denn ich sträubte mich gegen den Gedanken, daß er der Massimo sei, welchen ich lieb gehabt hatte.

Er fuhr fort, demüthig zu sprechen, so groß war seine Furcht, daß ich ihn zurückstoßen möchte.

Freilich bin ich alt, und mein Gesicht ist bärtig geworden, freilich; auch die Haare sind kurz, während ich sie einst lang trug, und meine Stimme ist rauh geworden und auch das Herz ist rauh geworden, denn es sagt mir kein gutes Wort mehr, und die Seele ist traurig wie der Tod, der mich wieder zu dem machen soll, der ich früher war. Gleichwohl bin ich noch Massimo, Dein alter Kamerad, und wenn ich noch Einen in der Welt lieb habe, bist Du es vielleicht. Wenn Du nun willst, daß ich gehe, so werde ich gehen; Wenn es Dich beleidigt, daß ich Dich Du nenne, sag' es mir."

Die heiseren und demüthigen Worte waren ab und zu von einem tückischen Blick erhellt; o wer hatte meinen alten Kameraden gelehrt, so zu blicken? Aber nicht doch, er war vielleicht nur ein nichtsnutziger Matrose, welcher Massimo bei Lebzeiten gekannt hatte und mir nun zwanzig Lire abschwindeln wollte.

Mangialesca suchte in meinen Gedanken zu lesen, und an einem gewissen Punkt, als in meinem Gehirn eine entgegengesetzte Arbeit begann, fügte er hinzu:

Ja Wohl, ich bin es wirklich; es muß doch etwas in meinem Gesicht ge­blieben sein, woran Du mich wieder erkennst . . . sieh mich recht an; diese Narbe wenigstens ist nicht verschwunden."

Und er ließ mich in seiner schwieligen Hand das Zeichen einer langen, von einem anatomischen Messer herrührenden Wunde sehen, welches zur Universitäts­zeit kaum sichtbar war, jetzt aber ganz weiß sich von der sonnverbrannten Haut abhob. Ich war noch nicht überzeugt, drückte jedoch einstweilen diese Hand, die er mir nicht anbot, ans Furcht vor Abweisung.

Nun denn," sagte ich,wenn Du wirklich mein guter Massimo von ehedem bist, trotzdem Du lange gezögert hast, mir Nachricht zu geben, der ich Dich lieb hatte, so bist Du doch immer ein Freund! Und Du wirst mir Alles sagen."

Bei diesen Worten drang aus der breiten Brust des fremden Seemanns ein Schluchzen, welches er nicht zeitig erstickte, indem er in ein Weißes Taschen­tuch biß.

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