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Deutsche Rundschau.
Wehte, und wenn ja ein Matrose die Quarantäne zu brechen wagte, ihn unverzüglich durch einen Schuß niederstrecken. Das war das Recht der Furcht, und man konnte glauben, daß Niemand von dem Schiffe so thöricht sei, seine Haut an das Vergnügen zu wagen, ein paar Schritte aus dem sesten Lande zu machen vor der bestimmten Zeit-
Und dennoch war es dem Sohn des verstorbenen Francesco, Giuseppe Man- gialesca, einem der vier unversehens von dem Verbot Betroffenen, wenige Tage darauf gelungen, die Wache zu täuschen; er hatte die „Bella Francesca" Nachts verlassen, indem er zur Stunde der Ablösung ins Meer sprang.
Der Capitain und der Bootsmann machten sogleich der Behörde Anzeige davon, und zwar durch die Männer, welche jeden Morgen das Schiff mit Lebensmitteln versahen. Man discutirte viel, um zu entscheiden, wo Mangialesca gelandet sein könne, und ob er wirklich irgendwo gelandet sei, in der Hölle oder dem Fegefeuer; die Meisten hatten an einen Selbstmord aus Lebensüberdruß geglaubt.
Man fragte sich, wie er es angefangen habe, heil davon zu kommen, wenn er aus Schußweite in Sicht gewesen wäre.
Der Posten schwur, daß er auf die Gefahr hin, einen Selbstmörder zu treffen, seine Pflicht erfüllt und ihm eine Kugel durch den Schädel gejagt haben würde; so wäre er eigentlich zweimal gestorben, oder trüge nun wenigstens nicht die ganze Strafe, welche in der anderen Welt die einfältigen Leute erwartet, welche das Leben weggeworfen haben, so lange sie auf Erden waren.
Und dennoch hatte Mangialesca trotz der Schildwache, dem Bürgermeister, den Gemeinderäthen und Allen mit einander es vollbracht: er war vom Hinter- theil des Schiffes ins Meer gesprungen, Nachts, bekleidet wie er war, und hatte unter dem Wasser eine lange Strecke des Meeres zurückgelegt; wenn er fühlte, daß ihm der Athem ausgehe, hatte er den Kopf herausgestreckt, den Kopf allein, und kaum einen Augenblick, weil ihm das Licht der Haseulampen mehr Furcht machte als die Muskete der Schildwache.
Das Wichtige war, wenn sein Anschlag gelingen sollte, daß er nicht bemerkt werde von den anderen Schiffen, welche mit bösem Blick, wie man sich denken kann, die „Bella Francesca" ansahen; denn wenn man mit bösem Blick betrachtet, sieht man auch besser.
Aber was war die Absicht Mangialesca's, als er das mit dem Verdacht befleckte Schiff verließ? Nicht, um der schrecklichen Langeweile einer Quarantäne zu entfliehen, sondern einzig, um Trezeri zu sehen, seinen Boden zu berühren, sich ein wenig der alten Zeit zurückzurusen, als er jung, schön und verliebt gewesen, und noch einmal, wenn es ihm möglich wäre, ein wenig der Süßigkeit zu kosten; dann, trunken von Weh, sich wieder ins Meer zu stürzen für immer.
Sobald Mangialesca Giuseppe, Sohn des verstorbenen Francesco (wie der Bericht des Kapitäns ihn bezeichnet^, das Ufer außerhalb des Hafens von Quattro- zeri erreicht, hatte er eine seltsame Toilette im Dunkel der sternlosen Nacht gemacht: er hatte sich entkleidet, um sein Zeug auf dem warmen Sande trocknen zu lassen, während er sich selbst hineingrub, um vor den Mücken sicher zu sein.