Heft 
(1891) 67
Seite
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Leben um zu lieben.

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Die Verlobten waren den ganzen Tag zusammen, meistens zu Haus oder im Freien, aber häufig gingen sie, um ein Werk der Barmherzigkeit bei einem benachbarten Kranken zu üben.

So verdienten sie sich sicherlich das Paradies, riskirten aber, früher dort einzugehen, als nothwendig. All' meine Vorstellungen waren vergeblich; was ich fürchtete, geschah; Marie war die Erste, welche sich die Krankheit holte. Sie waren auf den Hügel gegangen, wie sie alle Tage zu thun pflegten, er Feldblumen pflückend, um sie seiner Braut ins Haar zu stecken; und wenn sie in den Ort kamen, nahm Marie die Blumenkrone sich ab und machte daraus einen Strauß, welchen die gute Julie sogleich in ein Glas mit frischem Wasser stellte.

Marie wurde von der Krankheit auf freiem Feld ergriffen; sie hatte alle Kräfte sich versagen gefühlt, die Füße trugen sie nicht mehr, und sie mußte sich aus das Gras niederlegen, den mit Blumen bekränzten Kops auf die Kniee ihres Geliebten gestützt.

Der Advocat verbrachte die fürchterlichste Viertelstunde seines Lebens, eine Viertelstunde, fürchterlich, aber schön von einer wilden Schönheit wie er sagt, nun, da sie vorüber ist. Sie zu sehen, so bleich, mit dieser Krone auf dem Haupt wie eine Märtyrerin, sie so sehr leiden zu sehen und nicht zu wissen, von welchem Uebel, aber die Krankheit errathend, welche die Bevölkerung von Trezeri geißelte; sich da zu sehen aus dem verlassenen Feld, am Abhang des Hügels, ohne einen Laut von sich geben zu können, um nach Hülfe zu rufen, denn es wäre vergebens gewesen, und zu wissen, daß sie, so schön und so geliebt, an ihn ge­fesselt sei durch ein neues Band, fast so stark wie die Liebe, war ein wonniger Schauder. So sagt er nun.

Nachdem er ein wenig gewartet hatte, daß Marie sich wieder erhole, oder daß dennoch Jemand des Weges komme, aber vergeblich, nahm er den schönen kranken Körper auf den Arm und trug ihn fast bis zur Ebene hinab. Dort legte er seine kostbare Bürde sanft nieder, um Athem zu schöpfen und dies von der Krankheit heimgesuchte Antlitz zu betrachten, in welchem sich die schönen Augen öffneten, um stumm von Leiden und von Liebe zu sprechen.

Es dauerte nicht lange, so fühlte der Advocat neue Kraft, er nahm seine Marie wieder empor jetzt die Seine mehr als je und trug sie nach Haus.

Als Fräulein Julie auf diese Weise ihr Töchterleiu ankommen sah, hatte sie ein entsetzliches Vorgefühl, aber sie sprach es nicht aus:Sie stirbt mir, sie ist verurtheilt, wie ihre ganze Familie."

Während sie Marie auf das Lager bettete, fielen die Feldblumen, die sich aus den Haaren des guten Mädchens lösten, zu Boden, eine nach der andern, und zum ersten Male dachte Fräulein Julie nicht daran, sie wieder aufzuheben.

Der Advocat war in großer Eile gekommen, mich zu holen.

VII.

Inzwischen war die Bemannung derBella Francesca" verpflichtet worden, nicht ans Land zu kommen, und das Schiff selbst an das äußerste Ende des Molo von Quattrozeri verlegt; die Schildwache sollte fortwährend das Fahr­zeug im Auge haben, aus dessen Hauptmast die gelbe Flagge des Verdachtes

Deutschs Rundschau. XVII, 9. 28