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Deutsche Rundschau.
Ich hatte Lust ihm zu sagen: „Sie, seien Sie still; wenn Fräulein Marie nicht das Madonnengesichtchen, dieses bezaubernde Wesen hätte, so würden Sie gewiß nicht so sprechen." Ich begnügte mich, ihn mit Nachsicht anzusehen; aber er bemerkte nicht einmal meinen Blick.
„Sie lassen uns also gehen?"
„Nein, das thue ich nicht, außer wenn Sie mir versprechen, nicht in das Haus zu treten, die Kinder nicht aus den Arm zu nehmen, sie nicht zu küssen ..."
Sie versprachen Alles, und da die Bahre verschwunden war, verließ ich sie, um meine Pslicht bis zu Ende zu erfüllen.
„Kommen Sie zu Mittag, um mit uns zu speisen," sagte Fräulein Julie aus der Entfernung.
„Wenn ich kann ..."
„Suchen Sie zu können," rief Fräulein Marie mit lauter Stimme.
Es war die letzte Stimme der schönen Landschaft; dann ging es hinunter den baumlosen Abhang, wo die Sperlinge nicht mehr schwatzten, wo zwischen den Steinen die Eidechsen hervorguckten, um sich an den ersten Sonnenstrahlen zu erwärmen.
Man sah keine lebende Seele aus der Straße, und ich konnte mich überzeugen, daß der Einzug Baciccin's in den Ort nicht allzu sehr bemerkt worden war. Dennoch war er bemerkt worden, und es genügte, daß noch vor Mittag ganz Trezeri von der traurigen Nachricht erfüllt war.
VI.
So viel Vorsichtsmaßregeln auch der Bürgermeister und die selbst dabei Jnteressirten getroffen hatten, es war nicht möglich gewesen, das über das fröhliche Trezeri hereingebrochene Unheil geheim zu halten. Die Fremden hatten es vom ersten Tage an. zur Stunde des Bades, gewittert; die Auswanderung begann, und in der zweiten Augustwoche waren sämmtliche Badegäste aufgebrochen. Nur die deutschen Damen hatten nicht daran gedacht, fortzugehen, denn es schien Fräulein Julie, wie sie mir sagte, daß es eine niedrige Grausamkeit sein würde, den Zurückbleibenden gleichfalls zu sagen: „Wir gehen, weil uns unsere Haut lieb ist; Ihr, Aermste, sehet zu, wie Ihr davon kommt."
Marie und der Advocat hatten nicht einmal wahrgenommen, daß ihre Welt sich zum Schlichtern gewandt habe. Sie war sogar besser geworden und ward jeden Tag noch besser, denn sie liebten sich einen Tag mehr als den andern.
Quattrozeri war unberührt geblieben und ebenso alle benachbarten „zeri"; von dem Uebel heimgesucht war unser Ort allein.
Was für ein jammervolles Leben war unseres! Ich spreche nicht von uns Aerzten, denen die Zeit doch so hinging; aber von uns Trezerianern, niedergedrückt von der Furcht vor der Krankheit, von dem Schmerz um den Tod unserer Lieben, von der Lähmung, welche sich auch der Regsamsten bemächtigt hatte!
Der Advocat Emilio hatte sich gutwillig in die Decrete gefügt, welche die Quarantaine in allen benachbarten Ortschaften anordneten. Er miethete zwei kleine möblirte Zimmer und blieb in Trezeri.