Heft 
(1891) 67
Seite
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Leben um zu lieben.

Sonne, schien für die Liebe geschaffen; mir kamen meine beiden Verlobten in den Sinn, zu dieser Stunde machte der Advocat den Weg von Quattrozeri nach Trezeri; das Velociped mußte seiner Ungeduld langsam erscheinen; schon war Marie wach und trat in die Veranda, um ihn kommen zu sehen; nur Fräulein Julie, zum Frieden des Herzens gelangt, schlief ohne Ungeduld zu erwachen, denn vielleicht träumte sie von ihrer frohen Zeit.

Aber wie trüglich ist das menschliche Denken! Da kommen sie richtig aus einem Fußpfad hervor, alle drei: Fräulein Julie und die Liebenden.

Die Nachricht, daß Baciccin bei Tagesanbruch nach dem Hospital von Trezeri gebracht worden, war eben auf dem Velociped angelangt, und die deutschen Damen Wollten sogleich ein freundliches Wort in das Häuschen auf dem Hügel bringen. Der Advocat Emilio, für den es sich darum handelte, mit Marie zusammen zu sein, hatte nichts Schlimmes darin gesehen, den Weg zu wiederholen, welcher ihm einmal so schön erschienen war. Ich, ohne ein Wort zu sagen, wies auf die Tragbahre, welche sich, etwa hundert Schritt tiefer, langsam hinabbewegte:Gehen Sie jetzt nicht hinauf; vielleicht sind sie ruhig, und bei Ihrem Anblick würden sie von Neuem anfangen zu weinen."

Aber Fräulein Julie schnitt mir die Warnung im Munde ab:Der ist unglücklich, der nicht weinen kann . . ."

Ist Gefahr dabei?" setzte sie hinzu, mit den Augen auf die beiden Gedanken­losen hindeutend, die, von ihrer Liebe getragen, voll Güte auf diesen Kranken zu blicken schienen, welcher morgen unter der Erde sein würde, auf diese schweigenden Träger, welche gleichen Schritt miteinander hielten und vielleicht heute Abend gleichfalls von der Krankheit ergriffen waren.

Doctor, lassen Sie uns zu den Kleinen der Baciccina gehen," bat Marie; wir werden sie waschen, ehe wir sie küssen; wir geben ihnen Zuckerwerk, und sie werden nicht weinen."

Gewiß ist Gefahr dabei," erwiderte ich, ohne auf ihre schmeichelnden Worte zu hören, welche wie eine Musik klangen.Das Haus ist jetzt desinficirt, aber es ist nicht sicher, daß die Bewohner nicht schon angesteckt sind."

Wir, wir fürchten uns nicht."

Nein, Marie fürchtete sich nicht und ebenso wenig der Advocat, sie fühlten sich beide stärker als der Tod, nur weil sie sich liebten. Aber das Beste ist, daß auch Fräulein Julie mir dieselben Worte wiederholte:Wir fürchten uns nicht!"

Gehen Sie jetzt nicht, hören Sie auf einen Alten, der viel Häßliches ge­sehen hat."

Marie sagte mit einem anbetungswürdigen Schmollen:Wir sind auch nicht auf die Welt gekommen, um nur das Schöne zu sehen . . ."

Wer weiß, ob es nicht auch schön ist, die Thränen der beiden Kinder zu sehen, welche über das Geschick des Vaters bestürzt sind," warf Fräulein Julie ein, ohne Emphase.

Wir werden ihnen ein freundliches Wort geben, dem Mädchen eine Puppe, dem Jungen ein Steckenpferd versprechen," setzte weniger zuversichtlich der ver­liebte Advocat hinzu, um mir zu verstehen zu geben, daß auch er nicht auf die Welt gekommen sei, um nur das Schöne zu sehen . . .