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Deutsche Rundschau.
ließ, denen sich der Todtengräber zugesellt hatte. Diese vier Männer waren mit gewissen Handschuhen von starkem Leder versehen und schienen in Carbolsäure eingeweicht worden zu sein. Es kostete viel gute Worte, bis die Frau Baciccin's uns ihren Mann überließ, der aus die Tragbahre gebettet und langsam hinuntergetragen wurde. Ich hatte dem Todtengräber geraihen, sich nicht vor dem Kranken blicken zu lassen, um diesen aus keinen traurigen Gedanken zu bringen, und in der That hielt der Mann der Gräber sich verborgen, bis zu dem Augenblick, wo er die Stange der Bahre aus die Schulter nahm. Nachdem die Thüren der Stube geschlossen und Alles mit Chlor und Carbolsäure besprengt worden war, gingen wir, der armen Frau empfehlend, soviel wie möglich im Freien zu bleiben, ohne jemals die Stube zu betreten, ja nicht einmal nach Trezeri hinunter zu gehen. Alles dies mit geringer Hoffnung, daß es Pünktlich befolgt werden würde. Aber es war Alles und das Beste, was wir unter den Umständen thun konnten.
Die Bahre bewegte sich inzwischen geräuschlos durch die Landschaft, und die Baciccina, die sich solche Gewalt angethan hatte, daß sie heldenhaft erschien, brach plötzlich verzweiflungsvoll in lautes Jammern aus. Ich eilte zu ihr, und es gelang mir, sie mit wenigen Worten zu beschwichtigen: „Still, denn Baciccin hört Sie . . ." Sie drückte sich das Tuch in den Mund und schluchzte stumm weiter; aber die Kleine, welche neugierig Alles mit angesehen hatte, was im Hause vorging, glaubte den rechten Augenblick gekommen, um ihrer üblen Laune durch heftiges Weinen Luft zu machen, und auch der Junge, ans Furcht, ein Unrecht zu begehen, wenn er nicht thäte wie die Schwester, fing seinerseits an zu schreien. Nun trocknete die Mutter ihre Thränen, um jedem ihrer Geschöpfe einen Kuß zu geben, aber gleich darauf mußte sie zwei Püffe folgen lassen, damit sie endlich anfhörten.
Ich verließ dieses trostlose Haus mit dem Versprechen an die Baciccina, sie am folgenden Tage wieder zu besuchen, denn sie versicherte mich, daß sie krank sein würde, so groß sei die Anstrengung gewesen, so groß jetzt der Gram.
Meine Kollegen waren langsam vorausgegangen, wendeten sich aber dann und wann zurück, um anzudeuten, daß wir uns noch nicht verabschiedet hatten. Ich holte sie schnell ein: „Bleiben Sie gesund, auf Wiedersehen," dann bogen sie in einen Richtweg ein, der sie rascher nach Quattrozeri führte; ich folgte in einiger Entfernung dem traurigen Zug, der Baciccin nach dem Hospital brachte.
Mir ging viel Trübes durch den Sinn, obschon ich die frische Luft athmete, die von allen Düsten des Hügels gewürzt war; ich unterschied sie bis aus jeden einzelnen: den Geruch des Heues, das unter den Oliven aufgeschichtet war, den der Erde, von Thau getränkt, den des nahen Fichtenhains; aber vor Allem roch ich das Carbol, welches meine vier Träger durch das Gefilde verbreitet hatten.
Wahre Thorheiten gingen mir durch den Kopf, aber sie kamen doch für eine Weile und peinigten mich. Dann sprach die völlig erwachte Natur zu mir mit heiteren Worten; die Schwalben schienen uns zu begleiten, Baciccin's Bahre umkreisend, von den thautropfenden Bäumen erhoben sich kleine Scharen geschwätziger Sperlinge, und ein gewaltiger Specht, an den Stamm einer Ulme geklammert, that drei Schläge, bevor er davonflog, dicht über der Erde hin. Die häßlichen Gedanken gingen nicht fort. Die Landschaft, schimmernd in der jungen