Heft 
(1891) 67
Seite
440
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Hraf Moltke.

Kann es, nach einem großen und reichen Leben, einem Leben, das die Un­sterblichkeit verbürgt, einen schöneren Tod geben als den, welchen am 24. April, in seinem einundneunzigsten Jahre, Graf Moltke gestorben ist? Am Morgen dieses Tages noch auf seinem Sitz im Herrenhause, treu seiner Pflicht bis zuletzt; am Abend in einem jener traulichen Familienkreise, wie sie, von Frohsinn und Musik erfüllt, von jeher, nach ernster Arbeit dem einfachen Manne die liebste Erholung boten und dann, ohne Kampf, ohne Krankheit, von einem Augen­blick zum anderen hinübergehend in das, was für die Meisten das Unbekannte, für ihn aber sicherlich die Ewigkeit ist. Als um die Mittagsstunde des 25. April auf unseren Straßen die rauhen Stimmen sich vernehmen ließen, von denen wir gewohnt find, daß sie uns nichts Gutes zu verkünden haben; als die Ver­käufer der Extrablätter bis in die fernsten Außentheile der Stadt die Todes­botschaft trugen, und wir in Berlin, selbst noch im Gesichtskreis des General­stabsgebäudes, später als die Bewohner von London, ja von New-Pork, erfuhren, Graf Moltke weile nicht mehr unter den Lebenden, da bemächtigte sich unser Aller ein Gefühl der Bestürzung zuerst, daß wir diesen Mann, den wir gestern noch, indem er an uns vorüberging, ehrfurchtsvoll gegrüßt, nie mehr wieder sehen sollten diesen Greis, dessen hohe, vom Alter kaum gebeugte Gestalt eine der volks- thümlichsten war, obwohl ihr Erscheinen von den lärmenden Zeichen und Semen der Popularität begleitet zu werden Pflegte. Wie wenn man die Größe dieses Mannes durch ein Verhalten ehren wolle, welches dem eigentlichen und innersten Wesen derselben entsprach, verstummte, wo immer man seiner ansichtig ward, der jubelnde Zuruf, und es wurde still um ihn, etwas Feierliches umgab ihn. Auch die Menge, die von dieser Empfindung sich Wohl keine deutliche Rechen­schaft zu geben wußte, ward ergriffen in seiner Nähe, die sich durch äußeren Prunk so wenig kenntlich machte, daß sie vielmehr zu verschwinden und un­bemerkt zu bleiben suchte. Aufrecht und einsam ging er durch den Thiergarten, und erst in den späteren Jahren fuhr er in einem Einspännerchen nach dem Reichstag. Aber ungesehen mit diesem Einsamen in der schlichten Uniform oder dem grauen Soldatenmantel wandelte das Andenken an die gewaltigen Thaten, die das Jahrhundert erschüttert und das Reich begründet haben. Hinter ihm drein und vor ihm her schritt die Begeisterung der Huuderttausende, die sein mächtiger Geist zum Siege geführt, die Dankbarkeit der Millionen, aus denen er eine Nation hatte schmieden helfen. Blutigere Schlachten sind niemals ge­schlagen worden als diejenigen, auf welchen ernst und unverwandt sein Feldherrn­blick geruht; niemals aber auch hat das rauhe Handwerk mehr den Charakter und Stempel einer schöpferischen Gedankenoperation erhalten als durch ihn. Verglichen mit den großen Strategen, denen der Name Moltke's für immer angereiht ist, nimmt er eine ganz besondere, einzige und eigenartige Stelle ein: er hatte den