Graf Moltke.
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Sieg organifirt, noch bevor die Schlacht begonnen. Er war kein Heerführer wie Cäsar, wie Napoleon, wie Friedrich; in den stillen Räumen des Generalstabsgebäudes zu Berlin that er seine Arbeit, und dadurch selber ward dem Krieg Etwas ausgeprägt, das, wenn es seine Schrecken nicht gemildert, so doch seinen Gang sicherer, fester gemacht hat — von allen Schlachten, die Moltke geplant, ist nicht eine verloren gegangen. Es war etwas Unpersönliches, rein Jntellectuelles in seinem Verhältniß zum Kriege; hinter dem Aufruhr und Toben des Kampfes trat er zurück, nur sein Gedanke blieb gegenwärtig und rang nach Gestaltung in dem wirren Durcheinander der Blassen. Und also ging er auch unter uns einher, ein Vierundsechziger schon, als ihn noch Niemand kannte, dann in den folgenden sechs Jahren zu den höchsten Gipfeln des Ruhmes emporsteigend, aber in seinen Lebensgewohnheiten kaum ein Anderer — nur bei hohen Anlässen, zur Seite seines Kaisers, in dem kriegerischen Pomp, dem Triumphgepränge feierlicher Einzüge, bei militärischen und öffentlichen Festen dem Blicke des Volkes eher gezeigt als sich zeigend, hieraus wieder gleich Einem unter Vielen, für sich selbst nichts begehrend, ein Mann, der über dem Ehrgeiz stand — ein treuer Diener der Krone, seines Vaterlandes und Volkes, das, wenn er im Rathe der Nation sprach, seiner ehrwürdigen Stimme mit Andacht lauschte — ein Soldat, der, mit jeder Bürgertugend geschmückt, den Zauber des Herzens und den Adel der Gesinnung besaß, dem auch der geschlagene Feind nicht widerstand, das Muster und Vorbild eines Heeres, in dem jeder Bürger Soldat ist — ein Menschenfreund, dessen Seele, durch den Anblick so vielen Elendes nicht abgestumpft, nur um so mildthätiger sich öffnete, wo Hülse geheischt ward, um der Armuth und Verwahrlosung zu steuern. So war Gras Moltke, der Siegreiche, niemals Besiegte. So sahen wir ihn, der die schönen Künste liebte und Pflegte, sinnend vor den Gemälden in unseren Galerien und Museen stehen; so sähen wir ihn, den Mann der Wissenschaft, in den Sitzungen unserer Akademie, wenn er, vorgebeugt und die feine Hand an das Ohr gelegt, die Worte des Redners in sich aufnahm; und so, mit all' den Attributen historischer und sittlicher Größe, wird er sortleben im Andenken aller Zeiten und Geschlechter.
Wir entsinnen uns eines kleinen, hübschen Vorfalls vom vorigen Herbst, dem Tage des 26 . October, an welchem in Deutschland der neunzigste Geburtstag des greisen Feldherrn gefeiert ward. Wir, damals in einem unteritalienischen Städtchen, wollten wenigstens mit einem Gruß bei diesem nationalen Gedenktag nicht fehlen. Aber italienische Telegraphisten sind schlechte Kenner der deutschen Schrift und Sprache, zumal in diesen Gegenden des neapolitanischen Apennin. Mit einigem Zagen reichten wir das Blatt dem Beamten, der in der That vor dem ersten Worte: „Generalfeldmarschall" jede Hoffnung auszugeben schien; als er den Namen „Moltke" jedoch entziffert hatte, da verklärte sich sein dunkelbärtiges Antlitz von einem Strahl der Freude, der uns berührte wie Sonnenschein, und „ad, il Oonte NoliRs" rufend, sagte er „eapiseo, eaxlseo", und fing sogleich an, sein Telegramm abzufingern, das, wie wir annehmen wollen, an die richtige Adresse gelangt ist.
Die „Deutsche Rundschau" hat die besondere, die Ehrenpflicht, unter den tausenden von Kränzen, die sich über dem Grabe des großen Todten häufen, auch ihr eigenes, bescheidenes Dankeszeichen niederzulegen. Denn sie wird, sie darf