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Deutsche Rundschau.
für immer stolz darauf sein, daß es ihr beschieden gewesen ist, einige von den Schriften Moltke's zu veröffentlichen; und was ihr selber auch Vorbehalten sein mag: unvergänglich werden die Blätter dieser Zeitschrift bleiben, auf welchen sein Name geschrieben. Ist es nöthig, unsere Leser an die „Briefe aus Rußland", an die „Briefe aus Paris" und an die „Wanderungen um Rom" zu erinnern? In einer trüben Zeit, die auch uns nicht erspart worden, war dies unser Trost — nee 0inni8 nwriar. Man hat von Bismarck gesagt, daß er ein großer Schriftsteller hätte werden können, wenn er nicht vorgezogen, ein großer Staatsmann zu werden. Moltke war Beides, ein großer Feldherr und ein großer Schriftsteller. Als die monumentalen Leistungen seiner schriftstellerischen Thätigkeit wird man immer neben dem „russisch-türkischen Feldzug" und den „Briefen über Zustände und Begebenheiten in der Türkei" die Generalstabswerke zu betrachten haben. Aber auch , indem Wir die Beiträge von ihm durchblättern, welche diese Zeitschrift gebracht hat, werden wir ergriffen von der einfachen Schönheit und elastischen Ruhe des Stils, welche den Aufzeichnungen seiner Nebenstunden und selbst seinen brieflichen Aeußerungen eigen waren. Kann man in wenigen Zeilen ein anschaulicheres Bild von Rom geben — der Stadt, die man sich scheut, die „ewige" zu nennen, weil dieses Wort schon zu sehr mißbraucht worden, und für die man doch schließlich kein anderes findet? „Was die verschiedenen Zeitalter schufen, ist meist zerstört; was sie verwüsteten, ist geblieben. Das Mittelalter baute mit den Werkstücken des Alterthums, und doch ist die Ruinenstadt auf den Hügeln noch heute größer als die moderne auf dem Marsfeld. Das jetzige Leben vermag nur einen Theil der alten Mauer des Honorius auszusüllen. Gärten und Weinberge umschließen diesen Kern in der Ausdehnung einer Meile; Alles, Was darüber hinaus liegt, ist bis zum Fuße der Berge eine Wüste geblieben . . . So gewährt diese öde OampeeAna cli lloma einen unbeschreiblichen Reiz. Sie ist die Heimath der Gegensätze, einer Vergangenheit des reichsten Lebens, einer Gegenwart der tiefsten Stille. Die Burg der Gaetani klebt an dem Grabe der Metella, und die Kuppel des Michel Angelo erhebt sich über dem Circus des Nero. Die Gräber der Märtyrer liegen zwischen den Columbarien der Heiden, moderne Chausseen ziehen durch die Bogen antiker Wasserleitungen. Von jenen Hügeln, wo Pyrrhus lagerte, blickt die vom Blitz zerschmetterte Eiche des Tasso. Dampfschiffe durchschneiden die Fluth des blonden Tiber, und bald werden Eisenbahnzüge durch die Felder brausen, wo der Wagen der Triumphatoren einzog." H.
Abermals nach so vielen Jahrtausenden, wer weiß, welche Wandlungen die Welt durchgemacht, welche Mächte und Gewalten miteinander gerungen, Welche Gegensätze sich gebildet haben werden. So lange aber noch ein Stein des Deutschen Reiches aus dem anderen steht, ja, so lange die Geschichte selber lebt, so lange wird Helmuth von Moltke leben, bis vielleicht, in unabsehbarer Ferne, Poesie und Sage auch seinen Namen mit ihrem goldenen Duft umhüllen. _ 4. ll.
i) Deutsche Rundschau, 1879, Bd. XVIII, S. 377, 378, „Graf Moltke's Wanderungen um Rom".