Mit dem Gelde stehe ich nicht so schlecht, daß ich das Honorar dringend bedürfte, und das Gefühl, daß der Welt durch den Nichtabdruck in der Vossin etwas Herrliches, ihr (der Welt) Wohltuendes vorenthalten würde - dies Gefühl habe ich erst recht nicht. Es gibt zehn oder, wenn es hoch kommt, hundert Menschen in Deutschland, die von der Erkenntnis und der freundlichen Gesinnung sind, die Männer wie Sie oder der kleine Brahm oder der liebenswürdige M. v. Waldberg solcher Arbeit entgegen bringen [sie alle hatten «Irrungen, Wirrungen» freundlich rezensiert] - das große Publikum, nun, es ist nicht nötig, große Worte darüber zu verlieren. Ich hätte wieder das sittliche Hallo mit anhören müssen. Familie Müller hätte sich wieder über ,Schneppengeschichten 1 [Anspielung auf die Äußerung des Mitinhabers der Vossischen Zeitung aus Anlaß des Vorabdruckes von «Irrungen, Wirrungen»] beschwert, und selbst bei Familie Lessing hätten alle wohlwollenden Gesinnungen für mich nicht ausgereicht, mir ein Bedauern über den armen alten Mann, der sich so wenig der Pflichten seiner Jahre bewußt ist, zu ersparen. Und so mag es denn so wohl sein. Schließlich werde ich es ja wohl noch irgendwem ,anschmieren‘ können, und was dann hinter meinem Rücken geredet wird, schadet nicht viel; nur bei der Vossin und Familie Lessing, wo persönliche Beziehungen existieren, steht es anders damit. Sie aber seien nochmals schönstens bedankt für Ihr treues Zumirstehen und - ich bitte das sagen zu dürfen - beglückwünscht für Ihr freies Drüberstehen. Denn daß der alte sogenannte Sittlichkeitsstandpunkt ganz dämlich, ganz antiquiert und vor allem ganz lügnerisch ist, das will ich wie Mortimer auf die Hostie schwören.» Dem Chefredakteur hat Fontane danach offensichtlich noch einmal geschrieben, höflich und resigniert, wie aus einem weiteren Brief (ohne Datum) an Schlenther hervorgeht: «Vielleicht ist es das Beste, Ihre Güte schickt den Brief an den Chef nach Warmbrunn oder wo er sonst im Gebirge weilen mag; er kann dann ersehn, daß ich mehr befreit als gedrückt oder gar gebrochen bin, und wenn er mir in seiner Güte dann doch noch einen kleinen Liebesbrief stiften will, so soll er mir was Nettes aus dem Gebirge schreiben und die arme Novelle Novelle sein lassen.» Die wahre Stimmung Fontanes wird sichtbar in einem Brief an seinen Sohn Friedrich, der im Begriff war, einen eigenen Verlag zu gründen, und sich um die Buchausgabe von «Stine» beim Vater bewarb. Ihm schreibt Fontane am 30. August 1888: «Wenn Du meine ,Stine' verlegst, so heißt es: ,Der arme Kerl, der Fontane. Früher war er bei Decker, Hertz, Grote, dann kam er an Friedrich und Steffens, und jetzt, nachdem mehrere Redaktionen seine Schweine-Novelle zurückgewiesen haben, ist er gezwungen, das Zeug bei seinem Sohn herauszugeben, einem Buchhändler-Commis, der sich auf diese Weise sonderbar introduziert. Eine Rücksichtslosigkeit von dem Alten. Und dieser sonderbare Vater hat sich immer für was Besondres gehalten. »
Nach all dem ist es gewiß nicht Zufall, daß Fontane in diesem Zeitraum zwischen dem Erscheinen von «Irrungen, Wirrungen » und der Ablehnung
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