«Stines» durch Stephany gerade jenes Werk im Entwurf zu Ende führte, welches «das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeoisstandpunktes» unbarmherzig attackierte - « Frau Jenny Treibei». Fontane hatte 1887/88 mit dem bourgeoisen Leser, der Kunst als bloßen schönen Schein begriff, als vergoldete Aura eines Daseins, das in einem unerbittlichen, brutalen Kampf um Macht und Geld bestand, seine Erfahrungen gemacht, und diese Erfahrungen mit einer Welt, in der Heuchelei und Lüge triumphieren, haben zweifellos in jenem neuen Werk ihren Niederschlag gefunden.
Nach den Absagen Kürschners, Dominiks und Stephanys hatte sich Fontane bereits damit abgefunden, «Stine» unveröffentlicht liegenzulassen; seine Resignation äußert sich am 2. Oktober 1888 in einem Brief an Emilie, wenn er, im Zusammenhang mit einer Bemerkung über die mißlungene Bearbeitung eines zeitgenössischen Theaterstücks, schreibt: «Wie danke ich Gott, daß ich mit Stückeschreiben nie was zu tun gehabt habe! Nein, da doch lieber unsittliche Novellen, die im Kasten bleiben.»
Offenbar war es wiederum eine Initiative des Kreises der «Zwanglosen», die endlich doch die Publikation von « Stine » bewirkte. Es war Fritz Mauth- ners Wochenschrift «Deutschland», in deren erstem (und einzigem) Jahrgang der Roman zwischen dem 25. Januar und dem 15. März 1890 in acht Fortsetzungen erschien. Der Mann, der den Mut aufbrachte, »Stine« vorzustellen, war als Zeitschriftenherausgeber eigentlich ein Außenseiter, aber als einer der Wortführer des deutschen Naturalismus und - neben Maximilian Harden, Theodor Wolff, Otto Brahm und Paul Schlenther - als Mitbegründer der Freien Bühne von 1889 gut bekannt; als Romancier stand er mit seiner Trilogie über den Berliner Westen dem Gesellschaftskritiker Fontane nicht gar so fern, als Satiriker - z. B. in « Schmock oder Die literarische Karriere der Gegenwart» - nimmt er Themen vorweg, die Heinrich Mann im « Schlaraffenland » gestalten sollte.
Wie es zu diesem Vorabdruck kam, konnte bisher nicht geklärt werden, jedoch ist dabei ebensogut eine Vermittlung durch Paul Schlenther wie durch Friedrich Fontane denkbar. «Stine» erschien in Mauthners «Deutschland. Wochenschrift für Kunst, Literatur, Wissenschaft und soziales Leben» (1. Jg. 1889/90) in folgenden Nummern:
Nr. 17, Berlin, den 25. Januar 1890, S. 285-288 (Kapitel 1-3)
Nr. 18, Berlin, den 1. Februar 1890, S. 301-304 (Kapitel 3 und 4)
Nr. 19, Berlin, den 8. Februar 1890, S. 317-320 (Kapitel 5-7)
Nr. 20, Berlin, den 15. Februar 1890, S. 333-336 (Kapitel 8 und 9)
Nr. 21, Berlin, den 22. Februar 1890, S. 349-352 (Kapitel 10 und n)
Nr. 22, Berlin, den 1. März 1890, S. 365-369 (Kapitel n und 12)
Nr. 23, Berlin, den 8. März 1890, S. 381-385 (Kapitel 13 und 14)
Nr. 24, Berlin, den 15. März 1890, S. 397-401 (Kapitel 15 und 16).
Aus dem Erscheinungstermin des Vorabdrucks ist abzuleiten, daß die ent-