Der erste Katarakt.
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gemacht wurde, und diese Nachricht scheint uns Wohl geeignet, die ägyptische Regierung anzuspornen, mit der Herstellung zunächst eines Canals durch die Stromschnelle zwischen Aswän und der Insel Philae ungesäumt zu beginnen. Man weiß ja ohnehin nirgends besser als zu Kairo, wie große Schwierigkeiten die Stromschnellen dem Verkehr mit dem Sudan in den Weg legen.
Schon vor etlichen Jahren hat man durch die Anlage einer Eisenbahn, welche Menschen und Waaren um den ersten, nördlichsten Katarakt herumführt, ein Werk geschaffen, das den Reisenden und Händlern manchen Vortheil bietet; die » Letzteren aber sind gezwungen, die Güter, welche sie dem Süden zuführen oder
von dort her nach Kairo bringen, auf dem Wasserwege zu befördern. Wünschen sie für dieselben den neuen Schienenweg zu benutzen, so gilt es die Waaren umzuladen und das erleichterte Schiff über den Katarakt ziehen zu lassen oder jenseits desselben sich eines neuen zu bedienen. Das Alles ist so kostspielig wie zeitraubend, und selbst unter den günstigsten Umständen, das heißt, wenn es bei hohem Wasserstand angeht, ein beladenes Nilboot über die Stromschnellen zu ziehen, erleidet die Fahrt eine Verzögerung von wenigstens zwei, bisweilen aber auch von drei und vier Tagen, und die Beförderung einer gewöhnlichen Dhahabije, die 200 Ardeb (der Ardeb zu 180 Liter) faßt, über den Katarakt kostete während unseres letzten Aufenthaltes am Nil nach unserem Gelde 120 Mark. Dazu kommt noch das Bachschich oder Trinkgeld, worin sich bei der Ueberführung eines großen Nilbootes an hundert Kataraktenleute und ihr Reis oder Vorsteher theilen, und das sich auf 40—50 Mark zu belaufen Pflegt. Die Arbeit dieser Leute ist auch ? keine leichte, und es bietet ein höchst eigenartiges Schauspiel, ihre herrlich gebauten
nackten Gestalten, deren Haut, wenn die Anstrengung ihr die Poren öffnet, im schönsten Kupferbraun spiegelglatt glänzt, das Schiff umwimmeln, es mit katzenartiger Geschwindigkeit erklettern, es mit Seilen und Stangen ziehen und zurück- hälten, stützen und heben zu sehen. Dabei kommt diese fleißige Schar nie zum Schweigen, sondern singt, schreit und ruft Heilige an, bis das Werk vollbracht ist. Auch beim höchsten Wasserstand kann kein größeres Nilschisf ohne den Beistand so vieler Menschenkräfte den Katarakt passiren, während man allerdings in kleinen Ruderbooten von der Insel Philae oder dem Dorfe Schellal, dem südlichen Endpunkt der Eisenbahn aus, nach Aswän zu gelangen vermag.
Schon dieser Umstand beweist, wie falsch es wäre, sich die Nilkatarakten wie den Rheinfall von Schaffhausen oder gar den Niagara vorzustellen. Die Berichte alter Reisenden, die von den die Katarakten oder Katadupen umwohnenden Menschen erzählen, daß sie in Folge des wilden Getöses der von den Felsen stürzenden Wassermassen allesammt taub seien, wurden noch am Hose Ludwig's XIV. , geglaubt, doch schon seit der Expedition des Generals Bonaparte nach Aegypten
und dem Erscheinen des großen Werkes derselben, der „DeserlMou äs ist sichere Kunde an Stelle dieser Wundermähren getreten, und wenn wir selbst bei Gebildeten immer noch der Meinung begegneten, die Nilkatarakten seien großartige Wasserfälle, so ward dies durch mancherlei Nachklänge jener alten sagenhaften Berichte verschuldet.
Immerhin ist die Fahrt über den Katarakt im Ruderboot stromauf unmöglich, stromabwärts nicht gefahrlos und bei dem jetzigen Zustande der Stromschnellen für die Beförderung von Reisenden und Waaren gleich unanwendbar. So viel