Der erste Katarakt.
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Wie Bälle oder muntere Fischlein von den rauschenden Wellen in die Höhe und in die gischtende Fluth zurückgeworfen werden. Dennoch möchten wir es keinem Europäer rathen, es ihnen nachzuthun. Ein hoffnungsvoller junger Engländer, der es wagte, hatte es, obgleich er ein guter Schwimmer war, mit dem Leben zu büßen. Seine Leiche wurde acht Tage lang von dem mörderischen Strudel sestgehalten, bevor er sie ans Land warf. Jetzt findet man auf dem koptischen Friedhof bei Aswän einen Grabstein mit seinem Namen D. Cave, der warnend an seine tollkühne That erinnert.
In der Nähe von Aswän schieben sich die granitenen Bildungen der Kataraktengegend wie ein Riegel in den nubischen Sandstein, der so häufig Berge in der Form von abgestumpften Kegeln und Sargdeckeln bildet und der im Norden und Süden des ihn durchbrechenden Urgesteinstreifens sich ziemlich weit hinzieht.
Aswän ist das altägyptische Sun, d. h. der den Eingang gewährende Ort. Daraus entstand sein griechischer Name Syene, und diesem verdankt eine gewisse Granitart, der Syenit, den ihren. Wunderlicher Weise ist aber das von dem Mineralogen Syenit genannte ein anderes als das in der Nähe von Syene anstehende Gestein. Granitproben, die ich aus den Brüchen von Aswän und von den Katarakteninseln Sehel und Bige mitbrachte, bestätigten diesen auffallenden Umstand, und mein berühmter Leipziger College, Geh. Bergrath Zirkel, erklärte mir diesen ausfallenden wissenschaftlichen Jrrthum. Der Freiberger Mineralog Werner (gest. 1817), dessen Mineralbeschreibungen damals nicht ihresgleichen hatten, glaubte nämlich in dem Gestein des Plauen'schen Grundes bei Dresden alle charakteristischen Merkmale des Granites von Aswän wieder zu finden und nannte ihn darum „Syenit". Fortan galten' die Felsen in dem an Kirschbäumen reichsten Thale in der Nähe der sächsischen Hauptstadt als Typus des Syenit, bis Wad nachwies, daß das bei Aswän anstehende Gestein gar kein Syenit in diesem Sinne sei, d. h. daß es eine ganz andere Beschaffenheit zeige wie die Felsen im Plauenschen Grunde. Als Roziöre dann am Berge Sinai ein diesem entsprechendes Mineral fand, schlug er vor, den Namen Syenit in den ähnlich klingenden „Small" abzuändern, doch ist diese Bezeichnung niemals zur Aufnahme gekommen, und man fährt fort, den Granit in dem sächsischen Gebirgsthale recht unzutreffend „Syenit" zu nennen.
Derjenige, welcher bei Aswän und in der ganzen Gegend des ersten Katarakts ansteht, hat sehr viel weniger Hornblende als der Syenit des Plauen'schen Grundes. Der erstere, den die alten Aegypter vornehmlich zu architektonischen und plastischen Zwecken benutzten, der auch nach Rom ging und dort mit dem Sammelnamen .staxis Rüedaieus" bezeichnet wurde, Weil man ihn unter den Monumenten der Amonsstadt am häufigsten antraf, ist in jüngster Zeit, und zwar bei Gelegenheit des Transportes des ersten Alexandrinischen Obelisken nach New-Jork, von Prof. Stelzner in Freiburg neu und, wie Fachmänner versichern, mustergültig analysirt worden. Bunte Darstellungen des Gesteins in Natura und in mikroskopischen Dünnschliffen veranschaulichen das Gesagte, das durch vr. O. Schneider in Dresden, der Granitstücke bei den Brüchen von Aswän und Säulen und Statuensragmente unter den Trümmern des alten Alexandrien sammelte, ergänzt ward. Der ägyptische Granit erweist sich darnach in der Hauptsache als ein
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