Der erste Katarakt.
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Papyrus Ebers werden übele und schädliche Dinge „rothe" genannt, und roth- haarige Menschen galten wegen der Farbe ihres Hauptschmuckes sür typhonisch und wurden darum verabscheut oder doch mißachtet. Die Festigkeit des Kataraktengranites ist es sicherlich allein, die ihn den Architekten Werth machte und sie veranlaßte, ihn auch bei Gebäuden von Kalk und Sandstein als „Träger" zu verwenden. Die Bildhauer erkannten recht Wohl, daß sein spiegelnder Glanz die Wirkung ihrer Werke beeinträchtige, und sie scheinen darum viele Statuen von Rosengranit in polychromer Weise angemalt zu haben. Auf einigen — am besten an einem Koloß zu Tanis — fanden wir noch Farben erhalten.
An den Ufern des ersten Kataraktes und im östlichen Hinterlande steht der Granit in Kuppen und Kämmen, die eine Höhe von siebzig Metern über dem Flusse erreichen, massenhaft an; viele der auf dem Gebiet der Stromschnellen aus dem Wasser ragenden Inseln sehen dagegen aus, als wären sie aus runden Blöcken zusammengefügt, und diese ohne Hülfe der Menschenhand entstandenen Bauwerke der Natur scheinen den alten Aegyptern besonders ins Auge gefallen zu sein; denn auf einem der wenigen Landschaftsbilder, welche die Denkmäler zeigen — es hat sich am westlichen Theil des Jsistempels von Philae erhalten — findet sich eine solche aus natürlichen Werkstücken zusammengefügte Kataraktenklippe naturgetreu dargestellt. Auf ihrer Spitze steht ein Geier und ein Sperber, und in ihrem Innern hockt in einer runden tief in das Gestein eindringenden Höhle, von einer Schlange umrahmt und bewacht, der Nilgott, der aus den länglichen Vasen, die er in jeder Hand hält, Wasser ausgießt. Dies Gemälde bezieht sich aus die symbolischen Quellen des Nils, die nach der priesterlichen Lehre unter den Strudeln des Kataraktes südlich von Elephantine zwischen dieser Insel und Philae entsprangen, und die man die „Qerti" oder Quelllöcher von Elephantine nannte. Ihnen, nicht dem so oft „gemein" und „nichtswürdig" genannten Aethiopien, hieß es, entstamme das wohlthätige Naß, welches die Aegypter tränkte und ihre Aecker mit Fruchtbarkeit segnete. Die Lage der eigentlichen Nilquellen sollte den Sterblichen ein Geheimniß bleiben. Ein Priester von Sais unterrichtete den Herodot von dieser Anschauung; denn „zwischen Syene und Elephantine", sagte er, „liegen zwei Berge, Krophi und Mophi, mit hohen, spitzen Gipfeln, und mitten aus diesen Bergen kommen die grundlosen Quellen des Nils". Unter diesen spitzen Höhen in der Kataraktengegend sind gewiß die erwähnten Inseln gemeint; aus dem Todtenbuche aber erfahren wir, daß der Seele des Verstorbenen erst an der zwölften Pforte der Unterwelt Einlaß in das Mysterium von der wahren Lage der Nilquellen gewährt werden solle. Der Auffassung, daß der Aegypten bewässernde Strom in der Kataraktengegend entspringt, verdankte Wohl auch ein Theil der Insel Elephantine und ebenso — eine Inschrift scheint es zu beweisen — die Katarakteninsel Konosso den Namen Qebh, d. i. geweihtes oder LibationsWasser; denn man dachte sich hier den Kataraktengott Chnum den Strom in ähnlicher Weise ausgießend, wie den Nilgott aus dem oben erwähnten Bilde zu Philae. Die Göttin Sati, welche gewöhnlich neben dem Chnum, wo er als Kataraktengott auftritt, genannt wird, ist eine Form der Isis Sothis und gehört hieher, weil mit dem Frühaufgang des Sothis oder Hundsternes die Ueberschwemmung begann, und der Nil also sür die Aegypter gleichsam zur Neugeburt gelangte. Der Name Sati bedeutet Versenderin. Den Pfeil, wenn