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Deutsche Rundschau.
sie, die oft Bogen und Pfeile in der Hand trägt, schießt, das Wasser, wenn sie es, wie bei den Katarakten, ausgießt. Sehr häufig tritt neben ihr die "Anqe (Anukis) aus, und auch diese sehen wir neben der Sati (zu Dendera) Wasser — das der Nilüberschwemmung — aus einer Vase ausgießen. Chnum oder Chnum Da ist der Herr von Elepbantine, und charakteristisch genug wird er auch mit Nun, dem Vater der Götter, identificirt, d. i. dem Urgewässer, das gemäß der ägyptischen Lehre, die dem Thales von Milet nicht unbekannt gewesen zu sein scheint, als Urgrund aller Dinge galt. Ein näheres Eingehen auf die mythologische Gedankenreihe, durch welche Chnum auch zum Bildner der Welt und Former der Menschen wird, ist uns hier untersagt.
Auf der Fahrt den Katarakt herauf, also von Norden nach Süden, bleibt erst Aswän-Syene gegenüber die Insel Elephantine zur Rechten liegen, dann geht es an zwei wenig bemerkenswerthen Eilanden, deren südlicheres Salüg heißt, vorüber, zu der Insel Sehel, von deren felsigen Klippen aus man schon das lärmende Gebraus des eigentlichen Kataraktes vernimmt. Etwa einen Kilometer weiter gen Mittag jagt bei dem oben erwähnten Bab el-Schelläl oder Kataraktenthor die Stromschnelle am jähesten zu Thale. An der Insel Schelläl schäumt das strudelnde Wasser noch wild genug vorbei, während der Nil bei dem Dorf Mahada sich noch ziemlich ruhig gebärdet und bei dem Hasenörtchen Schelläl kaum viel schneller dahinwogt wie auf der Bahn durch sein nubisches Sandsteinbett. Ihm gegenüber erweitert der Fluß sich beträchtlich, und die Arme, in die er sich theilt, umspülen südlich vom Dorfe Schelläl und ganz in seiner Nähe die drei berühmten Eilande Konosso, Philae und das diesem dicht gegenüber liegende Bige. Das große Eiland el-Hesse, das in Gestalt eines Hundekopfes den größten Theil der herzförmigen Nilerweiterung anfüllt, und das lange, schmale Jnselchen Aunawarte, welches sich wie das Halsband der Dogge ausnimmt, für deren Kopf man el-Hesse ansehen könnte, bieten wenig, das Werth der Erwähnung wäre. Um so bedeutungsvoller in jeder Hinsicht sind die anderen Katarakteninseln, und es ist uns besonders leid, daß wir an den großen Schönheiten und dem vielen Bemerkenswerthen, das besonders die Insel Philae bietet, flüchtig vorübergehen müssen. Einen bezaubernderen Aufenthalt als dieses Eiland, besonders wenn es in den angenehm frischen Winternächten des Wendekreises unter dem milden Licht des Vollmondes ruht, möchte es schwerlich geben aus Erden. Es ist dann, als walte hier noch immer die freundliche Isis, deren Kuhhaupt die Mondsichel schmückte, das weibliche empfangende Princip in der Natur, die sorgende Mutter, die das Entstehende gedeihlich macht, es mit Schönheit schmückt und es vor Schaden bewahrt, die Heilungsgöttin, die am Horizont das geschwundene Licht zu neuem Leben führt, die in der Menschenseele die Wahrheit triumphiren läßt über die Lüge, und deren Macht es bewirkt, daß der Sterbliche genesen aus der Krankheit hervorgeht. Zu ihr, der großen Heilungsgöttin und ihren Tempeln, sind auch viele gepilgert, denen es um ihren Beistand zu thun war; zahlreiche auf Philae heute noch vorhandene Inschriften machen uns mit den Namen der Wallfahrer und dem Zweck ihrer Reise bekannt^ ja, das heilige Eiland war zeitweilig so überfüllt von Besuchern, daß die Priester- schast den König um Hülfe bitten mußte, um nicht in Folge der Ansprüche, welche die Reisenden und Pilger an ihre Gastlichkeit stellten, selbst zu verarmen.