Heft 
(1891) 67
Seite
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Der erste Katarakt.

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Den Zauber, den dieses Eiland bietet, auf dessen Boden sich herrliche Tempelbauten, von freundlichem Grün umrahmt, stolz erheben und sich in dem klaren, schnell dahinrauschenden Strom spiegeln, empfinden auch noch die heutigen, sonst für landschaftliche Reize wenig empfänglichen Aegypter; denn für sie gehört es in die Märchenwelt, und es ist uns kein Matrose aus dem Nil, kein Fellah oder ungelehrter Städter begegnet, der den alten NamenPhilae" gekannt hätte. Sie heißen es sämmtlich nach dem Helden eines bekannten Märchens aus 1001 Nacht (es wird in den Nächten 371380 erzählt), das man heute noch oft in Kaffeehäusern am Nil vortragen hört,Anas el-Wogüd" und halten die schönste der Katarakteninseln für den Schauplatz dieser Geschichte. In dem Osiriszimmer des Jsistempels sehen sie das Brautgemach des nach wechselnden Schicksalen endlich vereinten Paares Anas el-Wogüd und Saher ellWard, d. i. Blume der Rose.

An einer anderen Stelle zeigten wir, daß dies Märchen keineswegs will­kürlich an unsere Insel geknüpft ward. Es liegen ihm vielmehr Erinnerungen an die Geschichte des Suchens undMndens des Götterpaares Osiris und Isis zu Grunde, und Aegypten, vielleicht auch der Tempelbezirk von Philae, ist seine Heimath.

Einer der feinsten Würdiger landschaftlicher Schönheit, der Mann, der durch künstlerisch angelegte Pflanzungen Sandwüsten in schattige Paradiese verwandelte, Fürst Pückler-Muskau, erzählte dem Schreiber dieser Zeilen, daß er auf Philae, das auch er für einen der schönsten Punkte auf Erden erklärte, um die ehr­würdigen Monumente her passende Baum- und Strauchgruppen und auf dem ihm gegenüberliegenden östlichen Festlande einen großen Park habe anlegen wollen. Inmitten des letzteren hätte er gern ein Wohnhaus für sich selbst und eine große Herberge für europäische Reisende oder Kranke hergestellt, denen das milde sonnige Winterklima dieser Gegend sicherlich Wohlthun muß. Mohammed "Ali habe diesen Plan mit Begeisterung ausgenommen, und so ist es denn doppelt zu be­dauern, daß er nicht zur Ausführung gelangte. In nächster Zeit wird er indeß gewiß neu ausgenommen werden, und es wäre zu wünschen, daß auch die Pläne und Anschläge des Fürsten unter den nachgelassenen Papieren oder in einem vice- königlichen Archiv zu Kairo sich wieder fänden. Eine im Schatten schöner Garten­anlagen auf dem östlichen Festland gegenüber der Insel Philae oder auf dem Eilande der Isis selbst angelegte Winterstation würde gewiß große Anziehungs­kraft üben, und es käme auch ihr zu Gute, wenn es bald möglich wäre, nach einer nicht mehr durch den Katarakt unterbrochenen Fahrt in der Dhahabije, die man zu Kairo bestieg, am Ufer des Sanatoriumparkes zu landen; die Her­stellung eines schiffbaren Canals ist aber, wie gesagt, beschlossene Sache, und den Beleg für die Möglichkeit der Vollendung eines solchen haben in jüngster Zeit Inschriften auf der erwähnten Felseninsel Sehel geliefert.

Ihnen werden wir uns nun zuzuwenden haben, und so schwer es uns auch fällt, der Tempelanlagen von Philae, der Inschriften, an denen sie so reich sind, und der Geschichte des Eilandes, die auch von dem heilspendenden Jsisbilde berichtet, das die Priesterschaft den wilden Wüstenstämmen der Blemmher alljährlich feierlich abzuholen und eine Zeit lang bei sich zu behalten gestattete, nur er­wähnungsweise zu gedenken, müssen wir uns dennoch dazu entschließen, um endlich den neu entdeckten Zeugnissen für die Möglichkeit der Anlage eines Katarakten­canals unsere Aufmerksamkeit zu schenken.