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Deutsche Rundschau.
Ihren Fund danken Wir dem den Aegyptologen wohlbekannten Amerikaner Mr. Wilbour. Dieser in unserer Wissenschaft wohlbewanderte Herr, der alljährlich zwischen seiner Heimath, Paris und Aegypten den Wohnsitz wechselt, verbringt den Winter am Nil und ist in gefälligster Weise stets bereit, seine schönen Kenntnisse den Mitsorschern zur Verfügung zu stellen, denen es um eine genauere Prüfung von inschriftlichen oder Papyrusstellen zu thun ist. In Aegypten selbst studirt er die Denkmäler offenen Auges, und bei einem Besuch der Insel Sehel stieß er auf drei Jnscriptionen, die sämmtlich hohes Interesse gewähren. — Die erste und größte erzählt von „dem sehr großen Unglück bei dem Nichteintreten der Nilüberschwemmung in einem Zeitraum von sieben Jahren", und da die Geschichte sonst von keiner so langen Reihe von dürren Jahren, die in Aegypten nothwendig eine schwere Hungersnoth zur Folge haben müssen, berichtet, so lag es nahe, unsere Inschrift auf diejenige Zeit des Mangels zu beziehen, gegen welche Joseph nach dem biblischen Bericht so weise Vorsichtsmaßregeln trasH. Leider ward diese Katarakteninschrift erst recht spät, frühestens im fünften oder vierten Jahrhundert v. Chr., in den Stein gemeißelt — das beweisen die schriftbildenden Zeichen — und dazu verlegt sie die erwähnten sieben Unglücksjahre unter die Regierung des uralten Königs Tosorthros (dritte Dynastie), unter welcher der Sohn des Jacob in keinem Fall nach Aegypten gekommen sein kann. Aber dieser Umstand braucht die Annahme, daß die Erinnerung an die siebenjährige Hungersnoth, von der die Bibel berichtet, hier gemeint sei, nicht zu erschüttern; denn man liebte es, wichtige, von der Sage aufbewahrte und chronologisch nicht mehr sestzustellende Ereignisse in die Zeit der ältesten Könige zu verlegen, und so ist die Vermuthung berechtigt, daß man wenige Jahrhunderte v. Ehr., als man am Katarakt des unerhört langen Ausbleibens des hier in Aegypten eintretenden Nils gedenken wollte, dies in seiner Art einzig dastehende Mißgeschick in die Zeit einer der ehrwürdigsten Pharaonen verlegte. Daß der Name des Königs, unter dem es wirklich eingetreten war, in Vergessenheit gerathen konnte, wird dadurch weniger auffallend, daß Joseph, wenn man ihn überhaupt für eine historische Persönlichkeit ansehen darf, was uns erlaubter scheint als das Gegentheil, während der Hyksoszeit nach Aegypten gekommen sein muß; in der Epoche dieser Fremdherrscher aber ist es unterlassen worden, Auszeichnungen über die Regierungsdauer und die Thaten der einzelnen Könige zu machen. Jedenfalls beseitigt unsere Inschrift den Zweifel an die Möglichkeit eines siebenjährigen Ausbleibens des Nils, der Manchen veranlaßt^, die ganze Erzählung von Joseph, die der Prophet Mohammed die schönste aller Geschichten nannte, für eine Erfindung der Volksphantasie zu erklären. Sollte sie in der That eine solche sein, so besaß sie doch sicher eine historische Unterlage, und zu dieser gehörte Wohl in erster Reihe die Erinnerung an das siebenjährige Ausbleiben des Nils, dessen unsere Inschrift gedenkt, uud die mit ihm verbundene Hungersnoth.
Auf der nämlichen Insel Sehel, und zwar, als er dort am südöstlichen Ufer landete, entdeckte Mr. Wilbour drei weitere Inschriften, deren Inhalt wir hier mitzutheilen gedenken.
i) Man vergl. hierüber: Brugsch, „Joseph in Aegypten", Deutsche Rundschau, 1890, Bd. I^XIII, S. 252 fs. Die Redaction der „Deutschen Rundschau".