Politische Rundschau
Berlin, Mitte März.
Im deutschen Reichstage erregten die Verhandlungen über das Marinebudget besonderes Interesse. Das allzu weitgehende Programm, das Staatssecretär Hollmann in der Budgetcommission entwickelte, hatte zunächst die Besorgniß wachgerusen, daß die Forderungen für die Marine schließlich ins Ungemessene gehen könnten, bis dann der Reichskanzler General von Caprivi durch besonnene Vermittlungsvorschläge einen Ausgleich herbeisührte, der, wie er die Wehrkraft Deutschlands zur See nicht beeinträchtigen läßt, zugleich der Zukunst in keiner Weise präjudicirt. Mag immerhin die deutsche Marine an erster Stelle die Ausgabe haben, die Küsten der Nordsee und Ostsee zu vertheidigen, so ergeben sich doch aus der Thatsache, daß Deutschland eine Colonialmacht geworden ist, in Verbindung mit der Nothwendigkeit, die deutschen Interessen im Auslande zu schützen, Ersordernisse, denen Rechnung getragen werden muß. Wie sriedlich auch die europäische Lage nach wie vor erscheinen mag, so haben nichtsdestoweniger die jüngsten Vorgänge in Paris gezeigt, daß es nicht an Elementen sehlt, die stets bereit sind, „Zwischenfälle" hervorzurusen.
Politische Schwarzseher erinnerten bereits an die ausgeregten Julitage des Jahres 1870, als bei Gelegenheit der Anwesenheit der Kaiserin Friedrich in der französischen Hauptstadt eine Anzahl boulangistischer Organe ihre Versuche der Ausreizung gegen Deutschland erneuerten. Wie vor dem Ausbruche des deutsch-sranzösischen Krieges in den Straßen von Paris die Losung: „ä Berlin!" lautete, bezeichnte auch diesmal der Rus: „ü Berlin!" gewissermaßen den Beginn der Verwicklungen, nur daß dieser Rus jetzt ursprünglich sriedlich gemeint war und von denjenigen französischen Künstlern ausging, die an der Berliner Jubiläumsausstellung theilnehmen wollten. Es bedurfte einer seltsamen Verkettung von Umständen, um zu bewirken, daß ein durchaus unpolitischer Vorgang schließlich zu einer Haupt- und Staatsaction aufgebauscht wurde. Mit Recht bezeichnte ein Pariser Blatt bei der Erörterung der in Betracht kommenden Verhältnisse die öffentliche Meinung in Europa als einen „Kriegsschatz", der in Friedenszeiten ausgespeichert werden müsse. So empfiehlt es sich denn, sine ira et stnckio zu prüfen, wie die öffentliche Meinung in Europa sich aus Anlaß der Pariser Vorgänge gestaltete.
Daß französische Künstler der an sie gerichteten freundlichen Einladung, an der Berliner Jubiläumsausstellung theilzunehmen, entsprechen wollten, kann um so weniger überraschen, als es in Bezug aus andere deutsche Städte keineswegs an Präcedenz- sällen fehlte, wie denn auch augenblicklich gerade hervorragende französische Meisterwerke aus der Kunstausstellung in Stuttgart allgemeines Interesse erregen. So war denn in der französischen Hauptstadt bereits eine aus den angesehensten Künstlern bestehende Jury gebildet, als die früheren Mitglieder der von der französischen Regierung ausgelösten Patriotenliga mit Paul Ddroulöde an der Spitze die Anwesenheit der Kaiserin Friedrich, die bereits zu wiederholten Malen ineoZmto in Paris verweilt hatte, als Vorwand für einen Coup im Sinne ihrer chauvinistischen Bestrebungen