Politische Rundschau.
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benutzten. Daß die Kaiserin Friedrich die Ateliers einer Anzahl hervorragender Künstler besuchte, mußte ihr allerdings bei Denjenigen znm Vorwurse gereichen, die sich nicht in dieser Weise ausgezeichnet sahen. Inzwischen suchten die Boulangisten im innigen Vereine mit den Parteigängern der Patriotenliga nach einem längst ersehnten Vorwände, der ihnen seltsam genug von allzu einigen Friedensfreunden geboten wurde.
Um gegen die Theilnahme französischer Künstler an der Berliner Jubiläumsausstellung zu demonstriren, hatten Paul Deroulode und seine „Myrmidonen" an dem Denkmale des Malers Henri Regnault, der am 19. Januar 1871 in Buzenval vor Paris gefallen ist, einen Kranz mit einer patriotischen Inschrift niedergelegt, der auch die Buchstaben D. ä. D. (Digue ä68 Datriotes) trug. Anstatt nun diese Demonstration zu ignoriren, beeilte sich ein allzu eifriger Anhänger der Negierung, den Kranz zu entfernen, wodurch dann hauptsächlich der Zwischenfall zu einer „politischen" Action wurde. Nicht nur die Chauvinisten aller Schattirungen schlugen die Lärmtrommel, sondern auch in der Kammer selbst regte sich lebhaftester Widerspruch, so daß eine Interpellation unvermeidlich schien, bei der sich gar nicht hätte absehen lassen, zu welchen Konsequenzen sie geführt hätte. Erst im letzten Augenblicke wurde von diesen Interpellation Abstand genommen, nachdem die Regierung in aller Form die Verpflichtung übernommen hatte, einen neuen Kranz an dem Denkmale Henri Regnault's niederlegen zu lassen. Die Patriotenliga durfte dies um so mehr als einen Erfolg betrachten, als die Bezeichnung D. ck. k. in der That ungesetzlich war, da die von Paul Däroulede geleitete Vereinigung aufgelöst ist, während der Einwand, daß die Buchstaben: „Doi, Devon-, Dutrie" bedeuten sollten, allzu abgeschmackt war, als daß er ernsthaft in Betracht kommen konnte. So wäre es denn von Anfang an besonnener gewesen, den Kranz an Ort und Stelle liegen zu lassen, zumal er die Kaiserin Friedrich, selbst wenn sie ihn Wider alle Wahrscheinlichkeit gesehen hätte, sicherlich nicht im geringsten gestört haben würde. Der Zufall fügte es nun, daß die Kaiserin Friedrich den Park von Saint-Cloud, sowie die Kunstschätze von Versailles besuchte, an sich harmlose Vorgänge, die jedoch von den berufsmäßigen Lärmmachern vom Schlage Paul Däroulode's im chauvinistischen Sinne ausgebeutet wurden, wobei die unwahre Behauptung eine Rolle spielte, die Ruinen des angeblich von den Preußen zusammengeschossenen Schlosses von Saint-Cloud wären das Ziel des kaiserlichen Ausfluges gewesen. Daß es in Wirklichkeit die Franzosen selbst waren, die am 13. October 1879 vom Mont Valärien aus Schloß und Park, wo die deutschen Vorposten standen, mit Geschossen überschütteten, so daß das Gebäude in Flammen aufging, störte die Boulangisten bei ihrem scandalösen Werk nicht. Einer nach dem anderen nahmen die Künstler, die zuerst ihre Bereitwilligkeit erklärt hatten, in friedlicher Weise nach Berlin zu kommen, ihre Zusagen zurück; sie brachten das saeritimo äslll intellktto, indem sie sich dem Machtspruche Paul Täroulode's fügten. Zugleich führten die dem Letzteren nahestehenden Organe eine so heftige Sprache, daß wohl die Besorgniß gehegt werden konnte, die Abreise der Kaiserin Friedrich von Paris nach London würde die Gelegenheit zu Straßenkundgebnngen bieten. Daß diese ausblieben, darf jedenfalls nicht der französischen Regierung als Verdienst angerechnet werden; mußten doch selbst die Hitzköpfe der Patriotenliga vorhersehen, daß eine der Kaiserin Friedrich zugesügte Insulte für Frankreich die bedenklichsten Folgen haben würde.
Die Vorgänge in Paris waren bereits ausreichend, deutlich erkennen zu lassen, daß die von deutscher Seite von Neuem an den Tag gelegte versöhnliche Gesinnung in Frankreich keinen Widerhall fände. Wie berechtigt auch der von den gemäßigten französischen Organen geltend gemachte Hinweis erscheinen mag, daß die weit überwiegende Mehrheit der französischen Bevölkerung sich mit aller Entschiedenheit von den Straßenhelden abwendet, die ohne jede verantwortliche Stellung Uneinigkeit zwischen den beiden Nachbarnationen zu säen, als ihre hauptsächliche Aufgabe betrachten, zeigt sich doch stets wieder von Neuem, daß im entscheidenden Augenblicke die tumultuarische Minderheit in Paris ihren eigenen Willen durchsetzt. Die Vorgänge vor Beginn des deutsch-französischen Krieges legten in dieser Hinsicht vollgültiges Zeugniß ab, gerade