Maritime Trugschlüsse.
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Die mehrfach betonte Denkschrift von 1889 entwickelt Grundsätze für die Weiterentwicklung der Flotte, die nicht zu bestreiten, und in der That auch nie bestritten worden sind. Es war ganz natürlich, daß die Gemüther zweifelhaft wurden, ob mit jener Denkschrift ein „neuer Curs" eingeschlagen, oder der „alte" beibehalten werde. Denn genau dieselben Grundsätze standen auch schon in ihren Vorgängern von 1887 und 1884; nur die damit begründeten Forderungen waren entgegengesetzter Art. So hatte die Denkschrift von 1884 die Nothwendigkeit von Schlachtschiffen nachgewiesen. Das Ergebniß war aber doch eine Forderung von Torpedobooten, mit Ausschluß von Schlachtschiffen. Es war auch bei diesem einmaligen Ausschluß nicht geblieben, sondern es wurde eine Reihe von Jahren daraus verzichtet, weil man einen gewissen Abschluß der Technik erst abwarten wollte. Die Erkenntniß, daß ein solcher Abschluß vergeblich erwartet wird, ist für die Denkschrift von 1889 bestimmend gewesen; und nach so langer Pause in der Vorwärtsbewegung hat die damalige Regierung mit Recht Werth darauf gelegt, daß mit der Inangriffnahme von mindestens vier Schiffen sogleich vorgegangen wurde.
Es ist auch in den neuerlichen Debatten betont worden, daß die letzterwähnte Denkschrift die Grundlage sei und bleibe. Das hat eine gewisse Beruhigung zur Folge gehabt, und doch unterscheidet sie sich von den vielangesochtenen neuesten Aeußerungen vom Bundesrathstisch nur dadurch, daß genau dieselben Grundsätze nur eine etwas verblümtere Form haben. Wenn man das Zurückgehen des Staatssecretärs auf jene Denkschrift für einen Rückzug hält, so irrt man sich, und das Land wird der Regierung späterhin danken, daß es ein solcher nicht ist-
Grundsätze stehen immer der Deutung offen, und wer Grundsätze nach seinen Wünschen deuten will, dem ist die Möglichkeit dazu nicht abgeschnitten. Nichtsdestoweniger bleiben sie, was sie sind, und wenn sie Wahrheiten enthalten, so kann man diese nicht nach Belieben zu Unwahrheiten machen.
Früher brauchte ein Geschwader für die Zurücklegung von eintausend Seemeilen einen Monat, heute weniger als eine Woche. Was damals eine mit langer Hand vorzubereitende schwierige Seereise war, ist heute der Beschluß eines Augenblicks, und die Ausführung fordert nur ein paar Tage. Glaubt man wirklich, daß man die heutige Küstenvertheidigung innerhalb desselben engen Gesichtskreises zu suchen hat, wie jener Zeit? Das wird im Ernst Niemand glauben, und doch könnte es so scheinen, wenn man hört, wie die enge Grenze der Küstenvertheidigung betont wird gegenüber der Offensivkrast.
Die Flottenfrage als solche ist hohe Politik, und man richtet sich an die falsche Adresse, wenn man ihre Vertretung als politische und finanzielle Frage im Reichs-Marineamt sucht. Es ist Wohl Sache des Fachmannes, für die Handhabung und Verwaltung, nicht aber für die Existenzberechtigung seines Faches einzutreten; wird das Letztere von ihm verlangt, so ist eine Behandlung xro ckonw die Folge, und Verstimmung der Gemüther das weitere Ergebniß.
Daß der Kriegsminister von Roon für die Reorganisation der Armee sein Portefeuille einsetzte, war in der Ordnung; denn für die Beschaffenheit des vorhandenen Heeres war jene Reorganisation eine Lebensfrage; ob ein Heer sein solle oder nicht, kam dabei keineswegs in Frage, auch nicht, ob die Großmacht-