Heft 
(1891) 67
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Deutsche Rundschau.

stellung Preußens in seinem Heere zur Geltung zu kommen habe. So und nicht anders steht es mit der Flotte. Es ist recht hohe Zeit, daß über diesen Punkt Klarheit geschaffen wird, denn das Hinhalten sührt nicht zum Ziel.

Um an eine allen bisherigen Denkschriften eigene Wendung anzuknüpfen: zwischen einer Küstenvertheidigung, die Aussicht aus Erfolg hat, und einer Offensiv­kraft, die an der äußersten Grenze ihrer Tragweite einsetzt, ist kein Unterschied. Wer einen solchen Unterschied findet, muß Gründe haben, die dem gewöhnlichen Sterblichen nicht erkennbar sind.

Es ist als ein Unglück anzusehen, daß der Widerwille gegen kostspielige Panzerschiffe bei uns im Zenith stand, als in Frankreich der Admiral Aube zur Herrschaft kam. In Frankreich war das eine Frage der Modisication des Systems, bei uns aber eine Frage desaut aut" und eine Lebensfrage der Flotte überhaupt.

Es konnte damals nicht ausbleiben, daß eine Erfindung, der man einen ganz außergewöhnlichen Kriegswerth nicht absprechen konnte, überschätzt wurde. Es wurde zur fast allgemeinen Lehre, daß hier für den Schwachen das Mittel gefunden sei, sich dem Starken übermächtig zu zeigen. An vielen Orten rieb man sich die Hände, daß nunmehr wenigstens im Seekrieg dem Ueberwiegen der Finanzkraft die Spitze abgebrochen sei.

Man darf zum Ruhme unserer Staatsmänner Wohl annehmen, daß keinem von ihnen das Unwahre einer solchen Lehre entgangen sei; dieselbe hat aber zu stark auf die öffentliche Meinung, selbst in Fachkreisen, und auf die Volks­vertretung eingewirkt. Und da in Marinesachen der Reichstag sich sehr viel mehr an derHauptentscheidung" betheiligt als in Armeesachen, so ist trotz besserer Einsicht der Staatsmänner die zersetzende Wirkung nicht ausgeblieben.

Und doch ist gerade diese Lehre ein verhängnißvoller Trugschluß.

Der Krieg ist ein Act der Gewalt, und das Schwergewicht der Gewalt liegt in der Finanzkraft; sie wirkt nicht nur auf die greifbaren Streitmittel, sondern sie wirkt auch auf die sogenanntenImponderabilien", d. i. auf alle der kriege­rischen Tugend zu Hülfe kommenden sittlichen Kräfte. Und wenn es einem Staat gelänge, seine Küste in eine Wolke jener berüchtigtenMikroben" zu hüllen, so würde der finanzkräftigere' Gegner im Stande sein, die Wolke zu ver­nichten, und der Kampf würde mit anderen Mitteln von Neuem beginnen.

Jeder Kampf ist ein Wettbewerb in der Entfaltung größerer Kraft; die Mittel sind Beiwerk; sie sind niemals der Maßstab der Kraft, sie geben nur das Gesetz für die Mittel des Gegners.

Hat aber eine solche Lehre sich erst befestigt, so knüpfen sich daran Folge­rungen der eigenthümlichsten Art. So hat es eine ganze Reihe von Jahren ge­schehen können, daß dem Reichstag eine Legende aufgetischt wurde von einer kleinen Corvette, der es gelungen sei, die Blokade der Danziger Bucht aufzu­heben. Es ist ein günstiges Zeichen, daß diese kleine Geschichte neuerdings ver­stummt ist, und nicht mehr erscheint. Man fühlt Befriedigung, wenn mit Trug­schlüssen aufgeräumt wird, denn es sind ihrer noch genug zu beseitigen. Die Literatur leistet ihnen willkommenen Vorschub, und die öffentliche Meinung läßt es an Empfänglichkeit nicht fehlen.