Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

Reichstages über den Marineetat und über die Vertretung heimischer Interessen im Auslande es handelte sich um Chile geben dafür den besten Beweis.

Ob sich aber die neueren Anschauungen zum Richtigeren geändert haben, das möchte dahingestellt bleiben. Schreiber dieses gehört? der alten Schule an, und diese alte Schule vermochte einen grundsätzlichen Unterschied nicht anzuerkennen, der seit einer Reihe von Jahren sestzustehen scheint. Das ist die Unterscheidung, die gemacht wird zwischen Kriegsschiffen sür den Krieg, und solchen sür den Frieden, oder wie man es auszudrücken pflegt, für den politischen Dienst. Die alte Schule hat einen solchen Unterschied nicht gekannt. Man nahm an, daß ein jedes bewaffnete Schiff, groß oder klein, den Beruf habe, wo es auch sei, für die Ehre der Flagge einzustehen bis aufs Aeußerste, und man nahm an, daß für die Auswahl solcher Schiffe nicht sowohl politische und sociale Repräsentation^ rücksichten, als die Beschaffenheit wahrscheinlicher, oder möglicher, Gegner maß­gebend seien.

Die neue Anschauung hat sogar zu der Annahme geführt, im Kriegsfall müßten solchen Fahrzeugen eigentliche Kriegsschiffe zur Hülfe geschickt werden; und erst diesen sei es Vorbehalten, die wahre Kriegsarbeit zu thunH.

Da nun aber die Mittheilung der Kriegserklärung mit dem Telegraphen geht, das schnellste Dampfschiff aber doch erhebliche Zeit braucht, um auf eine entlegene Station zu kommen, so liegt der Trugschluß auf der Hand. Zwischen den am Ort befindlichen Parteien möchte dann die Hauptentscheidung Wohl schon erledigt sein. Es wäre denn, daß man die für den politischen Dienst bestimmten Schiffe anwiese, sich einer Action zu enthalten, was doch nicht ohne Bedenken ist.

In Folge dieser neueren Anschauung ist denn auch nichts natürlicher, als daß man in plötzlich auftretenden Fällen einer rein diplomatischen Fürsorge den Vorzug gibt, und sich scheut, Machtmittel ins Spiel zu bringen, deren Auftreten in jedem Falle gröberer Natur ist. Man möge nur berücksichtigen, daß dann das alte Lied von denOonsnts «ans eanons" wieder in sein Recht tritt, und mit diesem Liede hatte diealte Marineschule" geglaubt nachgerade fertig zu fein. Und sie wird damit trotz aller neueren Anschauungen Recht behalten.

Je weiter ein Schiff von der Heimath entsendet wird, desto kriegstüchtiger und desto schlagfertiger muß es sein; denn es hat eine doppelte Front; entsteht Krieg in Europa, so hat es den Forderungen und Möglichkeiten desselben auf der Stelle gerecht zu werden, und von den vielen Möglichkeiten der Jntereffen- conflicte am Ort ist es trotzdem nicht entbunden, und muß dem Einstehen für dieselben ebenfalls gerecht werden.

Es ist richtig, daß selbst mit einer Vervielfältigung solcher Möglichkeiten und mit den Actionen, die sich daran knüpfen,Hauptentscheidungen" niemals verbunden sind. Es können aberEntscheidungen" damit verbunden sein, die auf die Hauptaction wesentlich einwirken.

Daß die letztere am Ende für alle Nebenentscheidungen maßgebend bleibt, ist gewiß richtig; daraus folgt aber nicht, daß man den Nebenentscheidungen keinen Werth beilegt.

i) Vergl. die amtlichen Denkschriften von 1884, 1887 und 1889.