Heft 
(1891) 67
Seite
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Maritime Trugschlüsse.

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Die Schule der Neuzeit behauptet, für das Deutsche Reich wichtige Haupt­entscheidungen wurden nur zu Lande getroffen. Gegen das Wortnur" könnte man Einwand erheben. Daß die Behauptung in den weitaus meisten Fällen zutrifft, ist nicht zu leugnen; fast alle Kriege unserer Zeit geben die Bestätigung. Ob es mit Dänemark sich ganz so Verhalten hätte, steht dahin. Man könnte sagen, daß das Vorhandensein einer achtunggebietenden deutschen Flotte den Er­laß des offenen Briefes vielleicht ganz verhindert hätte. Jndeß, alle anderen Kriege unserer Zeit geben der Behauptung ein gewisses Recht. Sie ist zur Schul­ansicht geworden, und trägt großenteils die Schuld, daß man Anträgen auf Verstärkung der Flotte heute mit der bekanntenBeängstigung" gegenübertritt.

Schlagworte sind verfänglich, weil sie nur zu leicht Jedermanns Eigenthum werden, und dann für geraume Zeit eine Art Herrschaft ausüben, und gegen diese ist es schwer, anzukämpfen. Der Einwand, daß Kriege denkbar sind, deren Hauptentscheidungen zur See fallen, würde, wenn nicht ungehört, doch ungeglaubt, verhallen.

Es scheint nicht so unmöglich, daß Deutschland der Hauptverbündete einer von zwei miteinander im Krieg befindlichen Seegroßmächten ist. In diesem Fall würde die Möglichkeit der Hauptentscheidung zur See schon näher rücken; und Warum in solchem Fall heute eine Seeschlacht nicht dieselbe Bedeutung und Trag­weite haben sollte, wie seiner Zeit Trafalgar, ist eigentlich nicht abzusehen. Daß es nur eben moderne Schulmeinung ist, kommt dann nicht weiter in Betracht.

Man darf nicht übersehen, daß es gerade jetzt eine allen politischen Parteien sehr bequeme Schulmeinung ist; denn für alle Parteien bedeutet die Verstärkung der Flotte eine erhöhte Anstrengung der Finanzkrast des Landes, und für die Ultras der Liberalen überdem eine bedenkliche Verstärkung der monarchischen Machtsphäre.

Um allem dem vorzubeugen, wird einem Trugschluß, wie dem von denHaupt­entscheidungen" gern das Ohr geliehen.

Daß es ein solcher, und nichts Anderes ist, könnte man den amtlichen Denk­schriften leicht entnehmen, wenn sich diesen nur nicht eben Alles entnehmen ließe.

Immer mehr," so sagte der damalige Chef der Admiralität in seiner Denk­schrift von 1884,immer mehr hören die Meere auf, die Nationen zu trennen, und immer mehr scheint der Gang der Geschichte darauf hinzuweisen, daß sich ein Staat von der See nicht zurückziehen darf, wenn er auch über die nächste Zukunft hinaus sich eine Stellung in der Welt zu erhalten trachtet."

Schreiber dieses ist Seeofsicier, spricht pro äomo, und muß deshalb der letzte sein, der bei solchen Worten zur Acclamation aussordert; er will sich deshalb darauf beschränken, vor den Trugschlüssen beliebter und in Mode gekommener Schlagworte zu warnen.

Es war doch ausfallend, daß ein Chef der Admiralität, dem man hervor­ragende Klarheit der Gedanken nachrühmt, und übertriebene Voreingenommenheit für die militärische Seite des Seewesens nicht Vorwersen konnte, sich gemüßigt sah, in solchem Ton zu sprechen. Man warnt nicht vor einem Zurückziehen von der See, wenn man es nicht befürchtet; und die Neigung zum Rückzug muß in