254 Deutsche Rundschau.
der That schon recht entwickelt sein, wenn ein Staatsmann warnt, der sonst keine Neigung verräth, einer übereilten Entwicklung der Flotte das Wort zu reden.
Schon oben wurde flüchtig erwähnt, wie gründlich der Seeverkehr sich ge
ändert hat. Es wurde gesagt, daß heute ein Geschwader in wenigen Tagen eine Strecke zurücklegt, sür die es sonst einen Monat brauchte; eintausend Seemeilen
— das ist etwa vom Englischen Canal bis Gibraltar — in süns Tagen. Das
ist nicht viel länger, als etwa die Hälfte mehr an Zeit, die man zu Lande per
Bahn braucht. Es ist nur zu richtig: die Meere trennen nicht, sondern sie verbinden die Nationen; und auf demselben Gebiete, aus dem sie sich verbinden, verzweigen sich auch die Rücksichten der gegenseitigen Macht. Als man bis zu den Thoren des Gegners einen Monat brauchte, konnte das Erscheinen vor denselben nicht nur als „offensiv", sondern auch als „aggressiv" gelten; denn bei der geringen Bewegungsfähigkeit der Segelflotten genügte es zum eigenen Schutz viel mehr als heute, daß man in mäßiger Entfernung von den eigenen Häfen Wache hielt. Das breite Meer mußte man ohnehin preisgeben, man mochte vor den eigenen, oder vor den Häfen des Feindes liegen.
Heute, wo ein Geschwader das, wozu man damals einen Monat brauchte, in noch nicht einer Woche macht, wo der Dampfer nur ein Viertel der Zeit braucht für die Fahrt des Seglers von damals, heute gestaltet sich das anders. Die Tragweite der Machtmittel — der Rayon — ist weiter hinausgeschoben. Die Fühlung mit den Machtmitteln des Gegners muß enger gehalten werden; die Wache vor dem eigenen Thor hört auf, eine Verteidigungsstellung zu sein; und wer sich überhaupt vertheidigen will, muß den Machtquellen des Gegners näher rücken.
Dies ist keine Utopie, sondern erklärt sich für Jeden, der es sehen will, aus der veränderten Technik im Seeverkehr. Man spricht von unmöglichen Blokaden, übersieht dabei aber, daß die Torpedomänner sich heute anheischig machen, ein beliebiges Gewässer mit Streuminen fast hermetisch zu sperren. Wenn der Versuch noch nicht stattgesunden hat, so liegt das daran, daß die Torpedo-Aera überhaupt durch den Seekrieg noch nicht auf die Probe gestellt wurde; warum es bei Weiterer Entwicklung nicht möglich sein soll, ist schlechterdings nicht abzusehen.
Daß auch einen so nüchternen Beurtheiler der Sachen, wie dem Chef der Admiralität von 1884, ein Gefühl dafür nicht fremd war, entnehmen wir seiner Denkschrift. Er sagt an der Stelle, wo er die Mittel für eine Kriegsbetonnung
— als eine dringende Sache — beantragt: „Das Material hierzu wird beschafft und bereit gehalten werden müssen. Es wird so einzurichten sein, daß, wenn Wir im Stande sind, den Krieg an feindliche Küsten zu tragen, dasselbe Material benutzt werden kann, um uns dort Orientirungsmittel sür die Navigirung selbst herzustellen." Das ist nicht bloß ein Erscheinen, das ist häusliche Einrichtung vor den Thoren des Gegners, und es ist in der That die richtige Auffassung für die Zeichen der Zeit.
Es wird den damaligen Chef der Admiralität und heutigen General-Reichskanzler Niemand des seemännischen Chauvinismus zeihen wollen; man wird dagegen die Vertrauensseligkeit patriotischer Volksvertreter bewundern müssen, denen ein Offensivvermögen der Flotte so verwerflich scheint.