Maritime Trugschlüsse.
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Es ist ein Trugschluß, zu glauben, daß die Seeflanke nur an der eigenen Küste ihren Schutz findet, und je eher man sich dieses Trugschlusses entledigt, desto besser wird es sein.
Schreiber dieses ist, wie schon mehrfach erwähnt, Seeosficier, und verlangt nicht blinden Glauben in Dingen, in denen er pro äomo spricht; er glaubt aber die Aufmerksamkeit auf diese Dinge hinleiten zu sollen, denn er befürchtet, daß die öffentliche Meinung darüber nicht die nöthige Klarheit besitzt.
Citate einzelner Sätze aus zusammenhängenden Denkschriften sind bedenklich, namentlich wenn man ihre Gedanken als springende Punkte einer daran geknüpften Folgerung behandelt. Das ist mit den beregten Citaten nicht der Fall; sie werden nur angeführt zur Bekräftigung dessen, was hier gesagt ist.
Es liegt bei uns eine Gefahr darin, daß man schablonenhaft von den taktischen Rücksichten des Landheeres auf die der Flotte folgert. In der Marine selbst hat es nur einen Mann gegeben, der davon ganz frei war, der deshalb aber auch vielfach angefeindet wurde; vielleicht würde die Unbefangenheit seines Standpunktes mehr Eindruck gemacht haben, wenn nicht Aeußerlichkeiten dabei hie und da eine zu große Rolle gespielt hätten; und gerade diese sind von seinen Gegnern benutzt worden, um das, was Unbefangenheit des Standpunktes war, dem Spott preiszugeben, und dem landesgewohnten Hang zur Anerkennung zu verhelfen.
Man ist vor den Geistern, die man rief, später selbst oft bange geworden; man hat sie aber nicht mehr bannen können, weil sie im Fleisch und Blut der Nation begründet sind, und sie haben endlich beigetragen, eine ganze Reihe von Trugschlüssen im Schwung zu erhalten. Das gilt von allen, deren wir erwähnten, und auch noch von einigen anderen.
Nicht unterlassen darf man es, jenen Einzelvertreter des Absonderlichen zu nennen. Es war kein Anderer, als der eigentliche Gründer der Flotte, der Prinz Adalbert.
Er hat die großen Vorzüge der Wehrpflicht auch für die Flotte vollkommen anerkannt. Er stieß in Handelskreisen auf nachhaltigen Widerstand, als er sie der kleinen Marine jener Zeit zu eigen machen wollte; es gelang nur in sehr geringem Maße; sein Hauptstreben aber war darauf gerichtet, den Dienst der Flotte den Seeleuten selbst populär zu machen. Er legte deshalb besonderen Werth darauf, die Mannschaften der Schiffe, wenn sie ins Ausland gingen, ver- hältnißmäßig gut zu besolden.
Er war sich des Grundsatzes Wohl bewußt, daß der seiner Wehrpflicht genügende Mann auf eigentlichen „Sold" keinen Anspruch habe; er übersah aber nicht, daß die Entledigung einer Wehrpflicht im Auslande, in steter Berührung mit der Steuerpflicht, die das Ausland unerbittlich auch vom gemeinen Mann fordert, ein ander Ding sei, und daß man dem in der Besoldung des Mannes gerecht werden müsse.
Was hier Steuerpflicht genannt wird, muß man in ziemlich weitem Sinne auffaffen. In gewissem Grade erhebt das Ausland eine indirecte Steuer von jedem Mann, der sich aus See befindet. Es ist das nicht bloß für die Officiere der Fall; für diese allein wird es anerkannt, denn man erhöht ihre Taselgelder, sobald das Schiff Dover passirt. Es ist klar, daß ihr Fall mit dem der Mann-