Maritime Trugschlüsse.
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nirgends auf unser Zeitalter übertragen und kann wegen großer Verschiedenheit der Flotten nicht als Beispiel herangezogen werden. Karl der Große hat nach Barthold's Erzählung die gesammte Küste seiner Staaten mit einem Ring solcher Wehrhaftigkeit umgeben; derselbe ist aber von außen her nicht auf die Probe gestellt worden, und die Sache hat mit dem Zerfall des Reiches ein Ende gehabt.
Die Uebertragung der Wehrpflicht auf die seemännische Bevölkerung, wie sie im Deutschen Reiche heute gehandhabt wird, ist in ihrem Wesen gut; nur darf man sich in der Ausführung nicht an die Schablone des Heeres halten; was für dieses und für die Landbevölkerung paßt, paßt nicht Alles für die Flotte und die Seeleute. Mit der in den siebziger Jahren erfolgten Verringerung der Lohnsätze hat man, soweit es eingeschiffte Leute betrifft, einen Fehlgriff gethan; man hat zwar allmälig den Versuch gemacht, ihn auf andere Weise wieder auszugleichen; es sind aber weder die Dienstalters- noch die Seefahrts-, noch die Specialitätszulagen im Stande, jenem Mißgriff gerecht zu werden, weil sie nicht der Allgemeinheit zu Gute kommen. Es wird zwar von den Vertheidigern der Maßregel behauptet, daß es der Fall sei; das ist aber ein Trugschluß, und man kann Wohl die Frage aufwerfen, ob es denn mit der Popularität des Seekriegsdienstes so bestellt ist, wie es sein sollte.
Hat der Staat als solcher das Bedürfniß, Individuen, die von ihm zum Dienst herangezogen werden, durch Geldentschädigung abzufinden, so hat er auch die Pflicht dazu; man Weiß, in welchem Grade eine solche Pflicht für den Dienst im Heere anerkannt wird, und es ist die Frage, ob derselbe Grad der Anerkennung auch für den Seedienst genügt.
Zahl und Stärke der Bataillone geben den Maßstab für die Art, wie eine Armee sich ihrer Aufgaben entledigt. Den Hauptsactor dabei bildet die Anzahl der Individuen. Ihre Ziffern wachsen enorm, wenn die Zahl der Bataillone imposant sein soll.
Den entsprechenden Maßstab geben für eine Flotte die Zahl und Stärke der Schiffe. Beide können imposant sein, aber die Ziffer der Individuen bleibt doch nur in kleinen Schranken.
Als in den Napoleonischen Kriegen die Kreuzer Großbritanniens den ganzen Erdball bedeckten, stieg die Kopfzahl ihrer Besatzung nicht viel über hunderttausend. Jedermann weiß, daß der Zahl nach England an den Landkriegen jener Zeit nur einen mäßigen Antheil hatte, und doch belief sich die Kopfzahl seiner kleinen Armeeen aus mehr als zweimal hunderttausend.
Man kann den Vergleich der einer Flotte gestellten Aufgabe mit der einer Armee verschieden bemessen und schätzen; man wird aber nicht leugnen können, daß der Antheil an der Lösung solcher Aufgabe, der auf das einzelne Individuum fällt, bei der Flotte größer ist, als bei der Armee.
Die dem Individuum von der Natur verliehenen Gaben sind bei beiden, Heer und Flotte dieselben. Die Forderungen, die der Dienst stellt, sind aber, wie wir sahen, ganz ungleich.
Von einem guten Bombardier im Heere verlangt man nicht, daß er ein guter Scharfschütze mit dem Magazingewehr und dem Revolver, groß und klein, daß er ein Tirailleur, Mineur, Sappeur und gleichzeitig auch ein guter Reep-
Deutschs Rundschau. XVII, 8. 17